Die türkischen Behörden haben einem amerikanischen Kreuzfahrtschiff mit knapp 2000 Passagieren die Einfahrt in ihre Häfen verweigert. Die „Scarlet Lady“ des Unternehmens Virgin Voyages, die von der auf LGBTQ+-Reisen spezialisierten Agentur Atlantis Events gechartert wurde, musste ihre Route ändern. Als Begründung wurden „moralische Standards“ und „familiäre Werte“ angeführt, wie Rich Campbell, CEO von Atlantis Events, gegenüber „USA Today“ erklärte.
Schiff mit queerem Publikum abgewiesen
Der ursprüngliche Plan sah vor, dass die „Scarlet Lady“ am 7. Juli in der Hafenstadt Kuşadası anlegt und anschließend für zwei Tage in Istanbul bleibt. Doch die türkischen Behörden untersagten das Anlegen. Laut Campbell sei seine Firma darüber informiert worden, dass die Pläne storniert werden müssten. Das Unternehmen teilte auf seiner Website mit, dass die Route bereits geändert wurde. Als Ersatz werden nun Alexandria in Ägypten und Heraklion auf Kreta angesteuert.
Atlantis Events ist auf Kreuzfahrten mit LGBTQ+-Publikum spezialisiert. Das Unternehmen chartert komplette Kreuzfahrtschiffe und plant deren Reiserouten sowie das Begleitprogramm. Im aktuellen Fall handelt es sich um die „Scarlet Lady“ von Virgin Voyages, einem Unternehmen des britischen Milliardärs Richard Branson.
Behörden: „Nicht mit moralischen Werten vereinbar“
Die Behörden der Küstenprovinz Aydın, in der auch der Hafen von Kuşadası liegt, veröffentlichten auf X (ehemals Twitter) eine Stellungnahme. Darin heißt es, die „Veranstaltung“ habe auf Social-Media-Plattformen für große Unruhe gesorgt, da das Kreuzfahrtschiff von Gruppen gemietet wurde, die für Verhaltensweisen bekannt seien, die nicht mit der Struktur der Gesellschaft und den moralischen Werten vereinbar seien. Der Besuch der Provinz durch eine solche Gruppe komme „keinesfalls in Frage“.
CEO Campbell zeigte sich gegenüber CNN verblüfft, dass es den türkischen Behörden als Begründung ausreicht, dass es sich bei den Reisenden um eine queere Gruppe handelt. Die Reise sei bereits vor einem Jahr angekündigt worden, ergänzte er gegenüber USA Today. Zudem habe Atlantis Events Istanbul in den vergangenen 25 Jahren bereits 13-mal angesteuert. Alle Versuche, die Behörden umzustimmen, auch unter Mitwirkung der amerikanischen Botschaft, seien gescheitert.
Erdoğan und LGBTQ-Feindlichkeit in der Türkei
Vertreter der türkischen Regierung und Präsident Recep Tayyip Erdoğan äußern sich immer wieder offen LGBTQ-feindlich. Ende Juni hatten Behörden eine Pride-Parade in Istanbul verboten, die Innenstadt vorsorglich abgesperrt und den öffentlichen Nahverkehr eingeschränkt. Als Begründung wurden Sicherheitsbedenken vorgeschoben. Als Aktivisten dennoch versuchten, sich zu Demonstrationen zu versammeln, wurden sie unmittelbar von Zivilpolizisten unterbunden.
Der Vorgang mit der „Scarlet Lady“ dürfte bislang einmalig sein. Er zeigt die wachsende Repression gegen die LGBTQ-Community in der Türkei. Die Regierung Erdoğan hat in den letzten Jahren mehrfach Schritte gegen queere Menschen unternommen und spricht von einem „Streben, unsere Familienstruktur zu degenerieren“. Queere Studierende an der Istanbuler Boğaziçi-Universität berichten von Angst, jeden Moment verhaftet zu werden.



