Die Ukraine setzt bei der Raketenabwehr auf Eigenentwicklungen. Nachdem das Land bereits den Marschflugkörper „Flamingo“ in Eigenregie produziert, soll nun ein Abwehrsystem gegen ballistische Raketen folgen. Das Unternehmen Fire Point, das auch für die „Flamingo“ verantwortlich ist, arbeitet an einem System namens „Freyja“. Die Aufgabe ist gewaltig: Die Abfangraketen müssen extrem schnelle Geschosse aus Russland noch im Flug treffen und zerstören.
Warum die Ukraine auf eigene Lösungen setzt
Die Ukraine hat nach wie vor große Probleme, ballistische Raketen aus Russland effektiv abzuwehren. Diese fliegen mit extremen Geschwindigkeiten und sind schwer zu treffen. Die beste Lösung ist das US-amerikanische Patriot-System, das anfliegende Raketen im Flug abfangen kann. Allerdings sind Patriots knapp und teuer – jedes Stück kostet mehrere Millionen US-Dollar. Das europäische Alternativsystem SAMP/T wird in zu geringen Stückzahlen produziert und ist keine ausreichende Alternative. Daher will die Ukraine die kritische Lücke in der Flugabwehr durch eigene Ingenieursleistungen schließen.
Das System „Freyja“: Ziele und Herausforderungen
Fire Point, das auch die meisten ukrainischen Kampfdrohnen produziert, will gemeinsam mit europäischen Partnern ein Raketenabwehrsystem entwickeln. Anfang Juni meldete die Fire-Point-Chefin Iryna Terekh einen Test der Abfangrakete FP-7.X. Die Rakete soll die Grundlage für das „Freyja“-System bilden, zu dem auch ein Radar zur Erkennung feindlicher Raketen gehört. Bereits Ende 2027 soll das System einsatzbereit sein. Terekh räumt ein, dass dieses Ziel „unrealistisch und ehrgeizig klingen mag“, verspricht aber große Anstrengungen.
Experteneinschätzung: Potenzial und Fragezeichen
Der Raketentechnologie-Experte Fabian Hoffmann sieht Potenzial, aber auch viele Fragezeichen. Er bewertet die Idee grundsätzlich als gut: Fire Point will die Abfangraketen kostengünstig produzieren, mit Stückkosten unter einer Million US-Dollar. Hoffmann rechnet vor: Für eine 90-prozentige Abfangwahrscheinlichkeit wären zwei Patriots zum Preis von insgesamt 14,6 Millionen US-Dollar nötig. Dieselbe Wahrscheinlichkeit könnte mit vier Fire-Point-Raketen erreicht werden, was Kosten von vier Millionen US-Dollar entspricht – eine deutliche Ersparnis. „Theoretisch klingt das Ganze gut“, so Hoffmann.
Allerdings zeigt ein Blick in die Geschichte der Raketenverteidigung die enormen Herausforderungen. Die Patriots wurden ab 1967 entwickelt und 1984 in Dienst gestellt – sie brauchten Jahrzehnte der Verbesserung und Tests. Der Schlüssel war das Durchhaltevermögen der US-Armee und -Regierung, die trotz Misserfolgen an dem System festhielten. Ähnlich verläuft es beim europäischen SAMP/T. „Wenn Fire Point sein Versprechen einlösen will, müsste es dieses historische Muster durchbrechen“, sagt Hoffmann.
Ukrainische Innovation unter Druck
Die Aufgabe ist enorm, aber die ukrainische Verteidigungsindustrie hat im Drohnenbereich bereits bewiesen, dass sie unter dem Druck des Krieges schnell innovativ sein kann. Ukrainische Soldaten führen erfolgreich Angriffe auf russische Versorgungswege, Waffenfabriken und Treibstoffproduktion durch. Jetzt müssen die Waffenbauer noch stärker über sich hinauswachsen, um die Raketenabwehr zu realisieren.
Ob das gelingt, bleibt abzuwarten. Fest steht: Die Ukraine will sich nicht länger auf ausländische Lieferungen verlassen, sondern setzt auf Eigeninitiative – auch wenn der Zeitplan ambitioniert ist.



