Nach dem islamistischen Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin warnt der Islamwissenschaftler Mahmoud Jaraba vor einer weiteren Radikalisierung junger Männer. Er fordert von der Politik deutlich mehr Investitionen in Prävention und Deradikalisierung. Der Experte vom Forschungszentrum Islam und Recht in Europa der Universität Erlangen betont, dass Moscheegemeinden gezielt einbezogen werden müssten. „Daran gibt es auch großes Interesse, doch sie haben zu wenige Ressourcen und oft auch kein Vertrauen vonseiten der Behörden“, sagte Jaraba. Derzeit werde hier „extrem wenig“ unternommen, teilweise würden Mittel sogar gekürzt. „Dabei ist sich die Wissenschaft einig: Es wird in Zukunft noch zu mehr Radikalisierungen von jungen Menschen kommen.“
Salafistische Gemeinden und verdeckte Zellen
Jaraba betont, dass Moscheen per se nicht das Problem seien. Es gebe jedoch einzelne salafistische Moscheegemeinschaften, die radikale Inhalte verbreiteten. Zusätzlich existierten kleinere radikale Gruppierungen auf lokaler Ebene, die nicht unbedingt an eine Moschee gebunden seien. „Die Treffen können auch in privaten Räumen stattfinden“, sagte der Islamwissenschaftler. Das Phänomen sei nicht nur in Städten, sondern auch auf dem Land zu beobachten. Von Verboten bestimmter salafistischer Gemeinschaften hält Jaraba nichts. „Immer wieder ist zu beobachten, dass es kurz nach einem Verbot genauso weitergeht wie zuvor – nur an einem anderen Ort.“
Junge Männer in der Identitätskrise als Zielgruppe
Empfänglich für radikale Inhalte seien vor allem Jugendliche, die das Gefühl hätten, nicht zur Gesellschaft zu gehören und unter Rassismus und Diskriminierung zu leiden. „Irgendwann sehen sie alles nur noch durch eine negative Brille, bewerten alles, was vom Staat oder der Gesellschaft kommt, skeptisch“, erklärte Jaraba. Da die muslimische Community hier oft nichts anbieten könne, entstehe ein Vakuum. „Und hier punkten die Salafisten mit ihren einfachen Antworten.“ Sie suggerierten den jungen Menschen, dass sie ohnehin keine Chance in Deutschland hätten, sich Schule und Ausbildung nicht lohnten und sie sich auf die Religion konzentrieren sollten. „Für junge Menschen, die zum Beispiel aus gespaltenen Familien kommen oder eine kriminelle Geschichte haben, die womöglich Schwierigkeiten in der Schule haben, ist das sehr attraktiv.“ Die Salafisten böten ihnen „klare Regeln, etwa was das Beten, das Fasten, das Zusammenleben von Männern und Frauen angeht oder was 'erlaubt' ist und was nicht“. Junge Männer in einer Identitätskrise sehnten sich genau danach.
Klein fordert Verschärfung des Strafrechts
Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, drängt derweil auf eine Verschärfung des Strafrechts. „Seit Langem setze ich mich dafür ein, dass etwa Sympathiebekundungen für Terrororganisationen wieder strafbar sind, so wie es bereits bis 2002 der Fall war“, sagte Klein dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Mit Blick auf den CSD-Anschlag betonte er: „Dieser Anschlag war ein Angriff auf unsere demokratische Grundordnung und unsere vielfältige, freiheitliche und offene Gesellschaft. Wir dürfen nicht zulassen, dass von islamistischen Gefährdern eine tödliche Bedrohung für Minderheiten in unserem Land ausgeht. Zu diesen Minderheiten gehören auch Jüdinnen und Juden.“
Details zum Anschlag
Bei dem Terroranschlag am Rande des CSD am Samstag wurde eine Frau getötet und 31 Menschen wurden teils schwer verletzt. Der mutmaßliche Täter Abdul B. soll neben einem Fahrzeug auch eine Machete eingesetzt haben. Er starb am Tag nach dem Anschlag durch Schüsse von Polizisten, die ihn gestellt hatten. Auf seinem Handy wurde nach Angaben der Bundesanwaltschaft ein Video gefunden, in dem eine vermummte Person, mutmaßlich Abdul B. selbst, einen Treueschwur auf die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) leistet.



