Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dauert nun bereits so lange wie der Erste Weltkrieg. Doch schon lange vor 2022 verdreht Russland die Geschichte, um seine Aggression zu rechtfertigen. Ein weniger bekannter Mythos ist der von „Noworossija“ (Neurussland). Diesen Kampfbegriff nutzt der Kreml für den Süden und Osten der Ukraine, die er teils besetzt hält und als russisch betrachtet. Tatsächlich nannten die russischen Zaren dieses Gebiet ab dem 18. Jahrhundert so, als Katharina die Große die nördliche Schwarzmeerküste eroberte. Dass Kremlchef Wladimir Putin diesen Begriff 2014 wieder ausgrub, soll fälschlich vermitteln, der Süden der Ukraine gehöre zu Russland, und stellt die Staatlichkeit der Ukraine infrage.
Vor diesem Hintergrund wirken die jüngsten Nachrichten von der Krim besonders symbolisch: Seit Mitte Mai attackiert die Ukraine vermehrt eine Fernstraße, die das russische Festland mit der annektierten Halbinsel verbindet. Der Fernstraßencode lautet R280, der Name: Noworossija. So benannten die russischen Behörden die Straße beim Ausbau 2023. Sie ist eine wichtige Versorgungsroute, auch für Treibstoff. Russische Kriegsblogger nennen sie pathetisch „Lebensader“. Auf der Halbinsel wird Benzin wegen der Angriffe seit einigen Tagen rationiert. Meine ukrainische Kollegin Valeriia Semeniuk hat die militärische Strategie analysiert. Ein Militärexperte sagte ihr: „Man muss die Krim nicht einmal unbedingt erobern.“ Diese Aussage zeigt, dass der Krieg in eine neue Phase eingetreten ist.
Die fünf wichtigsten Nachrichten des Tages
Ukraine meldet Angriff auf Hafen im besetzten Mariupol
Das ukrainische Militär greift nach eigenen Angaben mehrere Einrichtungen im russisch besetzten Hafen von Mariupol an und schränkt dessen Kapazitäten ein. Der Hafen ist nach Angriffen auf die Energie-, Reparatur- und Verwaltungsinfrastruktur ohne Strom, wie die Drohnenstreitkräfte Kyjiws mitteilen. Die Nutzung als militärischer Logistikknotenpunkt sei dadurch „erheblich eingeschränkt“.
Ukraine verabschiedet Rekord-Wehretat nach Freigabe von EU-Milliarden
Nach der Freigabe von EU-Milliardenhilfen hat das ukrainische Parlament den Weg für Rekordausgaben im Verteidigungsbereich geebnet. Die Abgeordneten stimmten am Mittwoch einer Aufstockung des Haushalts um zusätzlich 1,56 Billionen Hrywnja (etwa 30 Milliarden Euro) für Verteidigung und Sicherheit zu. Damit steigt der gesamte Wehretat für das laufende Jahr auf die Rekordsumme von 4,37 Billionen Hrywnja.
Ex-Oberbefehlshaber Saluschnyj liegt in Vertrauensumfrage vor Selenskyj
Der frühere Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte und heutige Botschafter in Großbritannien, Walerij Saluschnyj, kommt in einer Vertrauensumfrage auf 73 Prozent. Er liegt damit deutlich vor dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, dem 61 Prozent der Befragten vertrauen. Das geht aus einer Umfrage des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie von Anfang Juni hervor.
Ukrainische Drohnen treffen historisches Krim-Museum
Bei massiven ukrainischen Drohnenangriffen auf die annektierte Halbinsel Krim ist ein historisches Museum getroffen worden. Das Dach des Museums in Sewastopol, das an den Krimkrieg von 1853 bis 1856 erinnert, geriet in Brand, wie die örtlichen Behörden am Mittwoch mitteilten. Angaben über Opfer gab es zunächst nicht.
Russland meldet Drohnenangriff auf Stadt mit Ölraffinerie
Die russische Stadt Nowokuibyschewsk in der Region Samara wurde nach Angaben des Regionalgouverneurs Wjatscheslaw Fedorischew von Drohnen angegriffen. Der staatliche Ölkonzern Rosneft betreibt in dem Gebiet die Ölraffinerie Nowokuibyschewsk. Der Luftraum über Samara sei gesperrt worden, schrieb Fedorischew auf Telegram, ohne weitere Details zu nennen.
Zitat des Tages
„Wir haben schon genug gegeben.“ Seit etwa einem Monat ist Rumen Radev offiziell im Amt – und schon hat er getan, was viele befürchtet hatten. Der neue Ministerpräsident Bulgariens (früher Präsident, davor Kampfjetpilot) wurde von westlichen Medien wegen seiner prorussischen Ansichten oft als „Orbán 2.0“ bezeichnet. Nun setzt Radevs Regierung um, was viele Bulgarinnen und Bulgaren erwartet hatten: Sie stoppt die Waffenlieferungen an die Ukraine. Bulgarien war in den vergangenen Jahren ein besonders wichtiger Munitionslieferant für die Ukraine, nicht zuletzt, weil die bulgarische Rüstungsindustrie sowjetische Kaliber produzieren kann, die in der Ukraine verwendet werden. Noch ist unklar, ob Munition die Ukraine weiterhin über Drittländer erreichen kann. In diesem Fall bliebe Radevs Entscheidung vor allem ein Signal an seine prorussischen Wählerinnen und Wähler. Aus dem Orbán 2.0 würde ein Orbán light.



