Seit Tagen bombardieren die USA wieder Ziele im Iran. Teheran scheint das kaum zu beeindrucken und reagiert mit Vergeltungsschlägen. Militärexperte Max Mutschler empfiehlt den USA dringend, auf Diplomatie zu setzen, um ein noch größeres Desaster zu verhindern.
Was bezweckt die US-Regierung mit den Angriffen?
„Letztendlich geht es wohl für beide Seiten darum, zu signalisieren, dass sie bereit sind, weiter zu kämpfen – um das jeweils bestmögliche Ergebnis für sich herauszuholen“, erklärt Mutschler. Denn das im Juni zwischen den USA und dem Iran vereinbarte Rahmenabkommen habe sich als nicht tragfähig erwiesen. Zu viele Konfliktpunkte seien nicht so geregelt, dass beide Seiten damit leben könnten. Ein Beispiel sei die Frage der Durchfahrt durch die Straße von Hormus. Die aktuelle Eskalation gehe vor allem darauf zurück, dass der Iran Handelsschiffe beschossen hatte, die die Meerenge auf einer angeblich nicht von Teheran genehmigten Route passierten.
Warum verfügt der Iran noch über Waffen?
Trotz mehr als vier Monaten Krieg besitzt Teheran immer noch ausreichend Waffen. Mutschler betont: „Die Zahl der iranischen Vergeltungsschläge ist zwar geringer geworden als zu Beginn des Krieges. Die amerikanischen und israelischen Luftangriffe haben Teherans Kapazitäten geschwächt.“ Allerdings sei es nicht gelungen, Irans Fähigkeiten zu Raketen- und Drohnenangriffen vollständig zu unterdrücken. Möglicherweise seien die Vorkriegskapazitäten des iranischen Arsenals oder die Trefferquote der USA und Israels falsch eingeschätzt worden.
Haben die USA Nachschubprobleme?
Selbst die militärischen Kapazitäten der Supermacht USA sind endlich. Es gibt Hinweise auf Nachschubprobleme, zum Beispiel bei Marschflugkörpern. „Die USA haben in kurzer Zeit sehr viele Marschflugkörper verschossen. Schätzungen zufolge haben sie ungefähr 1000 Tomahawks im Iran-Krieg eingesetzt und besitzen jetzt nur noch etwa 3000 Stück davon“, so Mutschler. Das sei aus Washingtons Sicht nicht beruhigend, da die USA ihre Kapazitäten auch für andere potenzielle Konflikte in Reserve halten müssten. „In Anbetracht der Tatsache, dass die USA ihre Kapazitäten ja auch noch für andere potenziell gewaltsame Konflikte in Reserve halten müssen, und sei es nur, um Gegner abzuschrecken, ist das schon eine desaströse Bilanz.“ Allerdings kämen auch andere Waffen infrage, wie gelenkte Bomben von Kampfflugzeugen, die aber riskanter für die Piloten seien.
Wer wird den längeren Atem haben?
Mutschler sieht den Iran im Vorteil: „Das dortige Regime muss keine Rücksicht auf die Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung und die desaströse Wirtschaftslage nehmen. Es kann Proteste gewaltsam unterdrücken und tut das auch.“ In den USA sei der Krieg extrem unpopulär. Das werde Trump nicht stürzen, aber seine Partei müsse sich Wahlen stellen – das nächste Mal schon bei den Kongresswahlen im November.
Droht Amerika ein neues Vietnam oder Afghanistan?
„Noch gibt es einen großen Unterschied zu Vietnam oder Afghanistan: Bislang haben die USA keine größeren Kontingente an Bodentruppen im Iran eingesetzt. Deshalb sind die Verluste an Menschenleben auf amerikanischer Seite relativ gesehen noch sehr gering“, erklärt Mutschler. Sollten die USA diese Schwelle überschreiten und Territorium mit Bodeneinheiten erobern und halten, könnte sich das ändern. „Die USA haben sehr klar die Grenze aufgezeigt bekommen, was sie mit militärischen Mitteln gegen einen entschlossenen Gegner bewirken können.“
Was könnte die USA vor einem Debakel bewahren?
„Naja, das Debakel ist eigentlich schon da“, so Mutschler. Die USA hätten ihre Grenzen aufgezeigt bekommen, hätten Teherans Position gestärkt, die Weltwirtschaft geschwächt und ihr eigenes Ansehen beschädigt. „Am schlimmsten ist es für die Menschen im Iran. Dort fallen sehr viele Zivilisten dem Krieg zum Opfer. Das Regime hat sich radikalisiert und brutalisiert.“ Um noch Schlimmeres zu verhindern, sollten sich die USA ihr Debakel eingestehen und konsequent auf Verhandlungen setzen. „Sie könnten ja mal versuchen, die internationale Gemeinschaft dabei um diplomatische Unterstützung zu bitten, nicht zuletzt China. Das hätte zwar sicherlich seinen Preis. Aber der wäre vielleicht geringer als eine weitere militärische Eskalation.“



