Washington – Wer in Amerika Präsident werden will, schreibt vorher ein Buch. JD Vance hat das bereits mit „Hillbilly Elegy“ getan, jener Sozialbeichte aus dem weiß-verarmten Amerika der abgehängten Appalachen, die ihn zum Deuter der Trump-Klasse, dann zum Senator in Ohio und schließlich zum Vizepräsidenten machte. An diesem Dienstag erscheint sein zweites Werk mit dem Titel „Communion: Finding My Way Back to Faith“ („Gemeinschaft: Mein Weg zurück zum Glauben“). Der Titel klingt vor allem nach Religiosität, doch das Buch ist weit mehr: eine Glaubensschrift, eine Selbstrechtfertigung, ein Familienporträt – und ein sehr frühes Bewerbungsschreiben für die Zeit nach 2028, nach Donald Trump.
Vance‘ Rückkehr zum Glauben
Der Verlag Harper Collins bewirbt das Buch als „intimen Bericht“ über Vances Rückkehr zum Christentum und seine Konversion zum Katholizismus vor sieben Jahren. In vorab veröffentlichten Auszügen und Interviews erzählt Vance, wie er sich vom Christentum seiner Jugend entfernte und was ihn zurück zum Glauben führte. Er formuliert im Ton einer Bekehrungsgeschichte: „Die Geschichte, wie ich meinen Glauben wiederfand, konnte natürlich nur geschehen, weil ich ihn zuvor verloren hatte.“ Für ihn stehe die Frage im Mittelpunkt, „warum ich überhaupt vom Weg abkam“ und warum der christliche Glaube seiner Jugend „nicht richtig Wurzeln schlug“.
Vance versucht, die alte „Hillbilly Elegy“-Erzählung religiös zu übermalen. Damals beschrieb er Chaos, Armut, familiäre Verwüstung, Gewalt, Sucht und den mühsamen Aufstieg. Jetzt heißt das Gegenmittel nicht mehr nur Bildung, Elite-Uni Yale, Marines, Disziplin und eine beinharte Großmutter, sondern die Kirche. „Ich bin Christ“, schreibt er, „und ich wurde Christ, weil ich glaube, dass die Lehren Jesu Christi wahr sind.“
Glaube als politischer Ordnungsfaktor
Interessant wird „Communion“ dort, wo Religion nicht als Privatsache erscheint, sondern als Ordnungsfaktor. Vance beschreibt den Glauben als Antwort auf Entwurzelung, therapeutische Leere und moderne Vereinzelung. Seine Frau Usha, die hinduistisch erzogen wurde und sich nicht missionieren lassen will, bringt diese Pointe in einem CBS-Gespräch auf den Punkt: Sie habe ihm einmal gesagt: „Therapie hat bei dir nicht funktioniert; Kirche funktioniert.“ Ein Satz, der wie gemacht für Vances politische Welt ist: Misstrauen gegen liberale Selbstoptimierung, Vertrauen in Institutionen, Rituale, Familie und Autorität. Kirche als sicherer Hafen in einer zerfaserten Gegenwart.
Vance destilliert aus dem Glauben eine politische Grammatik. Familie, Nation, Pflicht und Hierarchie rücken zusammen. Seine katholische Sprache erklärt, warum er Abtreibung, Familienpolitik, Migration und Sozialstaat nicht isoliert betrachtet, sondern als Teile einer moralischen Gesamtschau. Wer ihm wohlgesonnen ist, betet drei Rosenkränze. Wer in ihm einen karrierebewussten Filou sieht, wittert den Versuch, den Trumpismus mit Weihrauch zu adeln.
Persönliche Einblicke in Ehe und Vaterschaft
Der persönlichste Stoff des Buches und der begleitenden Interviews betrifft Ehe und Vaterschaft. Vance und seine Frau Usha erwarten in wenigen Wochen ihr viertes Kind. In den vorab bekannt gewordenen Passagen präsentiert sich Vance als Mann, der aus biografischem Durcheinander eine feste Ordnung gebaut hat. Das ist politisch brauchbar, weil es seine härtesten Positionen weicher ausleuchtet: nicht Kulturkampf, sondern Sorge; nicht Reaktion, sondern Verwurzelung; nicht purer Machtwille, sondern Dienst.
Spott um das Buch-Cover
Allerdings geht diese Inszenierung nicht ganz auf. Schon das Cover löste Spott aus, weil darauf eine methodistische Kirche aus Virginia zu sehen ist, ohne erkennbaren Bezug zu Vances Katholizismus. Als Buch dürfte „Communion“ weniger überraschen als „Hillbilly Elegy“. Damals war Vance ein Zeuge aus einem Amerika, das viele Eliten bis heute ignorieren. Heute ist er Vizepräsident, und jeder Satz trägt Amt, Ambition und Kalkül. Der Reiz des Neuen ist weg, dafür ist der politische Nutzen höher. Das Buch ist keine literarische Offenbarung, sondern so etwas wie eine programmatische Seligsprechung in eigener Sache.
Vances Position im Rennen um die Trump-Nachfolge
Damit führt das Buch direkt zur Frage der Nachfolge. Vance steht im Rennen um das republikanische Erbe Trumps trotz mancher Pannen so gut da wie niemand sonst – aber längst nicht so unangefochten, wie es sein Amt vermuten lässt. In New Hampshire, dem ersten klassischen Testgelände republikanischer Präsidentschaftskandidaten, führt er unter wahrscheinlichen Vorwahlwählern deutlich. Er ist jung, loyal, medienfest, in der Maga-Welt akzeptiert und für die Tech-Rechte um seinen Gönner Peter Thiel attraktiv. Trump spricht öffentlich und privat immer wieder über 2028; Vance sagt, er werde nach den Zwischenwahlen im November mit seiner Frau darüber reden – die Formulierung eines Mannes, der nicht nein sagt.
Aber seine Stärke ist geliehen. Ohne Trumps Segen wird Vance nur ein weiterer ehrgeiziger Republikaner mit Buchvertrag. Mit Trumps Segen – den der Boss bisher mit einigem Kalkül verweigert – wird er zum Kronprinzen, aber auch zum Erben aller Lasten: Iran-Krieg, Wirtschaftssorgen, Chaos und die landesweit zu diagnostizierenden Ermüdungsbrüche nach zu viel Trump-Show. Marco Rubio, Ron DeSantis, Donald Trump Jr. und andere warten heimlich darauf, dass der Kronprinz stolpert. Es gibt Zweifel, ob Vance Trumps Bewegung erben kann, ohne wie ein Nachlassverwalter zu wirken, dem die Authentizität fehlt.
„Communion“ ist deshalb als religiöse Autobiografie nur halb zu verstehen. Es ist der Versuch, aus Maga eine Weltanschauung zu formen, die nach Trump weiterleben kann: weniger Blattgold-Bling-Bling, mehr Altar; weniger Reality-TV, mehr Katechismus; weniger Bauchentscheid, mehr Erklärung und Mitnahme. Ob das trägt? Vance zeigt mit diesem Buch, dass er die Nachfolgefrage nicht nur organisatorisch, sondern intellektuell beantworten will. Er bewirbt sich auf 304 Seiten nicht bloß um Stimmen, sondern um die Deutungshoheit.



