Jens Spahn, Fraktionschef der Union, steht wegen seiner Leihmutterschaft in den USA in der Kritik. Ihm wird Doppelmoral vorgeworfen, da er sich 2015 in der Zeitschrift „GQ“ noch gegen die Idee eines „gemieteten Mutterbauchs“ ausgesprochen hatte. Auch 2020 wies sein Ministerium kühl auf die Begründung des Gesetzgebers hin. Nun ist er Vater geworden – dank einer Leihmutter. Hendrik Wieduwilt analysiert in seiner Kolumne, warum Spahn diese Affäre überstehen wird.
Wasser predigen, Wein trinken
Spahn ist das Paradebeispiel einer Politikerkaste, die Wasser predigt und Wein säuft. Anders als seine bisherigen Fehlgriffe um Villenkauf, Richterwahl oder Maskenbeschaffung liegt dieser Fall im christlich-konservativen Glutpunkt der Partei. Am Freitag hagelte es folgerichtig etliche Rücktrittsforderungen. Spahn ist nicht irgendwer, sondern die Galionsfigur der Erzkonservativen in der Union. Ihm wird AfD-Freundlichkeit unterstellt, nicht immer aus bösem Willen, sondern bisweilen mit froher Hoffnung. Einer wie Spahn ist ein Gewinn, wenn man im Osten eine Alternative zur Alternative sein will.
Enttäuschung der Klartexter
Spahn hat nicht nur die Wahlkämpfer in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Berlin enttäuscht. Er sorgt auch bei allen für Verbitterung, die sich mehr Aufrichtigkeit und Gradlinigkeit in der Politik wünschen. Der Typus Klartexter – Politiker, die denken, was sie sagen, und sagen, was sie denken – ist in den Parteien selten und meist umstritten. Wolfgang Bosbach in der CDU, Wolfgang Kubicki in der FDP, Thilo Sarrazin in der SPD, Sahra Wagenknecht in der Linken und Boris Palmer bei den Grünen sind Beispiele. Ihr Problem: Sie mögen keine Kompromisse und singen ungern aus der hinteren Reihe. Deshalb werden sie meist nichts innerhalb der Partei.
Spahns strategische Entscheidung
Spahn und Friedrich Merz wussten, was ihnen mit dem Geburtstermin blühte. Sie entschieden sich strategisch für die „kontrollierte Sprengung“ – aktive Medienarbeit. Spahn sprach mit der „Bild“ und produzierte die Zeile: „Gott freut sich über jedes Kind.“ Viel mehr sagte er nicht, schon gar nicht dazu, ob er in der Partei nun für die Leihmutterschaft trommeln wolle. Diese Strategie hätte im medialen Lärm dieser Koalition unter normalen Umständen funktionieren können. Aber es ist Sommerloch. Im Sommerloch freuen sich Redaktionen über jedes Thema so sehr wie Eltern über ihr Erstgeborenes. Jede Reaktion wird debattiert, jede Nuance der Leihmutterschaft ausgeleuchtet.
Hoffnungsschimmer für Spahn
Zwei Aspekte könnten Spahn Hoffnung machen. Erstens: Was innerhalb des Sommerlochs emotional und intensiv debattiert wird, verliert dann, wenn der Betrieb in Berlin wieder beginnt, schnell an Relevanz. Zweitens: Spahns größter Gegner sitzt in den eigenen Reihen. Aber es stünde einer christlichen Partei nicht gut zu Gesicht, einen frischgebackenen Vater für die Familiengründung vor die Tür zu setzen. Spahns politische Gegner in anderen Parteien sind weitestgehend gelähmt: Die Grünen haben keine Position zur Leihmutterschaft. Die AfD ist extrem still – vielleicht, weil Parteichefin Alice Weidel als Mutter in lesbischer Partnerschaft selbst nicht als konservatives Rollenmodell taugt. Es könnte also sein, dass Spahn am Ende alles hat und alles behält – die Villa, das Baby und den Fraktionsvorsitz.



