Einen Tag nach dem tödlichen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin fahnden die Behörden weiterhin nach dem Tatverdächtigen Abdul Ballout. Der 21-jährige Deutsche mit libanesischen Wurzeln soll am Samstagabend mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge am Rande des CSD-Geländes gefahren sein. Dabei starb eine Person, mindestens 21 weitere wurden verletzt – fünf von ihnen lebensbedrohlich, fünf schwer. Die Berliner Feuerwehr sprach zudem von 45 Personen, die psychosoziale Betreuung benötigten. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte zuvor von 29 Verletzten gesprochen; die unterschiedlichen Zahlen erklärte ein Feuerwehrsprecher mit verschiedenen Datenquellen.
Generalbundesanwalt übernimmt Ermittlungen
Die Bundesanwaltschaft hat die Ermittlungen wegen des Verdachts auf eine terroristische Straftat übernommen. Nach Angaben von Dobrindt handele es sich um einen „islamistischen Terroranschlag“. Der Tatverdächtige Ballout sei bereits in der Vergangenheit durch islamistische Radikalisierung und Straftaten aufgefallen. Er war erst am 12. Mai 2026 zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten verurteilt worden, unter anderem wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und Verbreitung von IS-Propaganda. Das Urteil war noch nicht rechtskräftig; die Staatsanwaltschaft hatte Berufung eingelegt. Das Gericht hatte Ballout unter Auflagen auf freien Fuß gesetzt, darunter die Unterstellung unter einen Bewährungshelfer.
Tatablauf und Vorleben des Verdächtigen
Laut Ermittlern steuerte Ballout den gemieteten Kleinbus in die Menschenmenge und verletzte anschließend mehrere Personen mit einer Stichwaffe, mutmaßlich einer Machete. Er soll mit dem Islamischen Staat (IS) sympathisieren. Bereits im Februar 2022 war Ballout wegen Körperverletzung und räuberischer Erpressung verurteilt worden – damals war er 14 Jahre alt. Im Juli 2026 hatte die Generalstaatsanwaltschaft seine Wohnung wegen Waffenverdachts durchsuchen lassen, jedoch nur eine Spielzeugwaffe gefunden; das Verfahren wurde eingestellt. Nach der Tat gelang ihm die Flucht; die Polizei fahndet bundesweit nach ihm.
Trauerkundgebungen und politische Reaktionen
Am Sonntag fand in Berlin ein Trauermarsch von der St. Marienkirche zum Brandenburger Tor statt, an dem mehrere hundert Menschen teilnahmen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) besuchte den Tatort und legte eine Blume nieder. In einer Rede in der Marienkirche sagte Merz: „Wir sind mehr, wir sind stärker und wir halten in unserem Land zusammen.“ Er rief die queere Community auf, sich nicht einschüchtern zu lassen. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) betonte, dass die Tat außerhalb des gesicherten CSD-Bereichs geschah. Am Nachmittag hatten bereits 8.000 bis 10.000 Menschen an einer Trauerkundgebung am Brandenburger Tor teilgenommen. Der Tatort war mit Blumen und Kerzen geschmückt.
Ermittlungen und Fahndung laufen auf Hochtouren
Die Polizei sicherte den Tatort und transportierte den weißen Kleinbus zur Spurensuche ab. Der Trauermarsch wurde von der Polizei geschützt. Unter den Teilnehmern waren zahlreiche Politiker, darunter Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch und Finanzsenator Stefan Evers (beide CDU). Viele Trauernde hielten Regenbogenflaggen und Rosen. Die Stimmung war gedrückt, es gab keine Sprechchöre. Teilnehmer äußerten Bestürzung und wiesen auf die Gefahr von Rechtsruck und queerfeindlicher Politik hin. Die Ermittlungen zu Ballouts Kontakten und möglichen Helfern dauern an.



