Vor einem Jahr, am Abend des 8. Mai, stand Robert Francis Prevost, der neu gewählte Papst, sichtlich nervös auf der Mittelloggia des Petersdoms. Nachdem er seine Notizen gegriffen und noch einmal geschluckt hatte, breitete er die Arme aus und las seinen ersten Satz als Leo XIV. vom Blatt: „La pace sia con tutti voi“ – „Friede sei mit Euch allen“. Von den Zehntausenden auf dem Petersplatz brandete Jubel auf.
Der Friedensgruß aus der Bibel ist für regelmäßige Kirchgänger nichts Besonderes, für den Rest der Welt aber vielleicht schon – besonders in diesen kriegerischen Zeiten. Mit seinem ersten Satz machte das neue Oberhaupt von 1,4 Milliarden Katholiken klar, dass die Suche nach Frieden eines seiner zentralen Themen sein soll. Friedlicher ist die Welt seither nicht geworden, auch allen späteren Appellen des Papstes zum Trotz. In Kriegsgebieten wie der Ukraine und dem Iran spielt die Diplomatie des Kirchenstaats keine Rolle.
Zumindest aber ist es Leo gelungen, nach den aufgeregten Jahren mit seinem Vorgänger Franziskus Ruhe in die Kirche zu bringen. Die Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und Reformern sind weniger geworden. Kardinal Reinhard Marx, der ihn im Konklave mitgewählt hat, sagt: „Er ist eine andere Person. Ein Brückenbauer. Einer, der Gräben zuschüttet.“ Groß bewegt in theologischen Dingen hat der neue Mann in Weiß allerdings noch nichts. Auf das erste große Lehrschreiben – vermutlich über Künstliche Intelligenz – wird noch gewartet. Auch mit Personalentscheidungen hält er sich bislang zurück.
Mit zwölf Monaten Abstand hat auch an Bedeutung gewonnen, was bei Leos erstem Auftritt nur als Fußnote registriert wurde: dass der erste Papst aus den USA damals zwar Italienisch und Spanisch sprach, aber kein einziges Wort Englisch. Damit machte er deutlich, dass er sich aus seiner Heimat nicht vereinnahmen lassen will. Im Gegenteil: Der amerikanische Pontifex widerspricht US-Präsident Donald Trump so deutlich wie kaum ein anderer Staats- oder Regierungschef – wegen „Allmachtsfantasien“, wegen der Drohung, im Iran eine „ganze Zivilisation sterben“ zu lassen, und wegen der Behandlung von Migranten. Demonstrativ setzte er eben erst in den USA einen Bischof ein, der als Flüchtling ohne Papiere ins Land gekommen war.
Der Kirchenhistoriker Massimo Faggioli meint: „Er ist der gute Amerikaner, wie man ihn aus Filmen kennt.“ Häufiger noch wird Leo als „Anti-Trump“ betitelt. Als Trump ihm unterstellte, er finde es in Ordnung, wenn der Iran eine Atomwaffe besitze, betonte Leo nur, es sei die Mission der Kirche, das Evangelium und den Frieden zu predigen. Leo erklärte, dass er kein Interesse an einer Auseinandersetzung mit Trump habe, aber auch keine Angst vor der US-Regierung. Getroffen haben sich Leo und Trump noch nie. Für den heutigen Donnerstag lud Leo aber US-Außenminister Marco Rubio zur Audienz im Vatikan.
Als Staatsoberhaupt des kleinsten Staats der Welt tut sich Leo naturgemäß leichter, Trump zu widersprechen als gewöhnliche Staats- und Regierungschefs. Dessen übliche Drohungen mit Zöllen oder Militär laufen bei ihm ins Leere. Zudem hat Leo die Zeit auf seiner Seite: Mit seinen 70 Jahren ist er fast ein Jahrzehnt jünger als der Präsident. Wenn die Dinge normal laufen, wird er noch Papst sein, wenn Trump längst Geschichte ist.



