Das Qualifizierungsgeld, das Anfang 2024 vom damaligen Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) als Sicherheitsnetz für die wirtschaftliche Transformation eingeführt wurde, erweist sich als Flop. Laut einer Antwort des Arbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der Grünen, die dem Handelsblatt vorliegt, nahmen von April 2024 bis Dezember 2025 nicht einmal 400 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer die Förderung in Anspruch. Konkret waren es 2024 rund 200 und 2025 etwa 150 Beschäftigte, insgesamt also rund 350.
Hintergrund und Funktionsweise des Qualifizierungsgeldes
Das Qualifizierungsgeld funktioniert analog zum Kurzarbeitergeld: Unternehmen, die nachweislich vom Strukturwandel betroffen sind, können für ihre Beschäftigten während einer Fortbildungsmaßnahme 60 Prozent des Nettoentgelts von der Bundesagentur für Arbeit (BA) erhalten, wenn sie auf Kündigungen verzichten. Ziel war es, Beschäftigte in Branchen wie Automobil, Energie oder Einzelhandel für neue Aufgaben zu qualifizieren – etwa vom Verbrenner zum E-Auto oder von der Ölheizung zur Wärmepumpe.
Minimale Inanspruchnahme trotz hohem Bedarf
Die geringe Nutzung steht in starkem Kontrast zum prognostizierten Bedarf. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schätzte bereits 2019, dass mehr als ein Drittel aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland in einem Beruf arbeitet, der sich gut automatisieren lässt. Hinzu kommen der technische Wandel weg von fossilen Energien und die zunehmende Digitalisierung durch Künstliche Intelligenz. Das Arbeitsministerium hatte zunächst ein jährliches Budget von 360 Millionen Euro veranschlagt, das für 2024 auf 200 Millionen Euro reduziert wurde. Tatsächlich ausgegeben wurden 2024 jedoch lediglich 108.035 Euro und 2025 442.408 Euro.
Kritik von Politik und Verbänden
„Es ist ernüchternd, dass das Qualifizierungsgeld als zentrales Instrument für den Strukturwandel bisher gerade einmal rund 350 Beschäftigte erreicht hat“, sagte Sylvia Rietenberg, Arbeitsmarktpolitikerin der Grünen. „Das zeigt, dass gute Instrumente nicht nur eingeführt, sondern auch praxistauglich weiterentwickelt werden müssen.“ Das Ministerium selbst sieht jedoch keinen Handlungsbedarf. In der Stellungnahme heißt es, das Qualifizierungsgeld solle Fachkräften „eine Weiterbeschäftigung im aktuellen Betrieb ermöglichen“. Die konkrete Wirkung auf die Beschäftigungssicherung könne allerdings „noch nicht beantwortet werden“.
Bürokratische Hürden und strukturelle Nachteile
Wirtschaftsverbände zeigen sich wenig überrascht. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) kritisiert, dass das Qualifizierungsgeld für kleine und mittlere Betriebe „faktisch nicht relevant“ sei. Gründe seien der aufwendige Nachweis der Transformationsbetroffenheit sowie die Anforderung einer Betriebsvereinbarung oder eines Tarifvertrags. Zudem müsse der Verbleib der Beschäftigten im Betrieb garantiert sein, und je nach Betriebsgröße müssten mindestens zehn bis 20 Prozent der Belegschaft vom Strukturwandel betroffen sein. Auch die allgemeine Weiterbildungsförderung sei finanziell attraktiver. Die Arbeitgeber wollten sich aktuell nicht zur Causa äußern, doch der ZDH regt an, dass angesichts der minimalen Nutzung eine Abschaffung den bestehenden Instrumentenkasten übersichtlicher machen könnte.
Ausblick und mögliche Konsequenzen
Der Beirat des Wirtschaftsministeriums hatte unter Führung von Jens Südekum, heute Berater von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD), bereits 2022 auf neue Instrumente gedrängt, um Beschäftigte „on the job“ zu qualifizieren. Das Qualifizierungsgeld war ein Ergebnis dieser Forderungen. Doch die Praxis zeigt, dass die Hürden zu hoch sind. In der Industrie scheint derzeit eher Stellenabbau als Umstrukturierung im Vordergrund zu stehen, wie der ZDH anmerkt: „Das Qualifizierungsgeld setzt aber gerade voraus, dass neue Tätigkeitsbereiche erschlossen werden.“ Ob das Instrument reformiert oder abgeschafft wird, bleibt abzuwarten.



