Die TikTokerin Melina Hoischen, bekannt als „Miss History“, spricht sich klar gegen ein Social-Media-Verbot für Jugendliche aus. In einem Interview mit dem SPIEGEL betont die dreifache Mutter: „Der Staat kann Eltern nicht entmündigen.“ Sie sieht die Verantwortung primär bei den Eltern und fordert mehr Medienkompetenz statt Verbote.
Elterliche Verantwortung statt staatlicher Regulierung
Hoischen, die auf TikTok über 500.000 Follower mit historischen Inhalten erreicht, ist selbst Mutter einer achtjährigen Tochter. Diese habe weder ein Handy noch Social-Media-Accounts. „Aber sie sieht natürlich, was ich mache“, erklärt die 1993 geborene Creatorin. Ihre Tochter wolle nun K-Pop-Tänze nachmachen, die im Internet angesagt sind. „Dann schalte ich ihr YouTube unter meiner Aufsicht an“, so Hoischen.
Die BWL-Absolventin, die früher als Social-Media-Referentin für die FDP-Fraktion im Bayerischen Landtag arbeitete, legt großen Wert auf Aufklärung. „Meine Kinder sind darauf getrimmt, selbst ihre Privatsphäre zu schützen“, sagt sie. Wenn im Kindergarten ein Foto gemacht werde, sage die Kleine von selbst: „Aber nicht ins Internet stellen.“
Kein Verbot, sondern Medienkompetenz
Auf die Frage nach einem Social-Media-Verbot für Jugendliche unter 16 Jahren, wie es in Australien diskutiert wird, antwortet Hoischen deutlich: „Nein, ich bin eindeutig gegen ein Verbot.“ Sie argumentiert: „Frühkindliche Bildung im Umgang mit Medien ist viel sinnvoller. Gerade in Zeiten von künstlicher Intelligenz, durch die viele Gefahren wie Deepfakes auf uns zukommen.“
Hoischen vergleicht die Situation mit dem Öffnen einer Flasche: „Wenn meine Tochter sagt, Mama, mach mir die Flasche auf, kann ich sie ihr jedes Mal öffnen. Oder ich investiere fünf Minuten und zeige ihr, wie es geht. Danach kann sie es selbst.“
Gefahren auf Plattformen: Peppa Wutz im Fleischwolf
Trotz ihrer ablehnenden Haltung gegenüber einem Verbot sieht Hoischen auch Risiken. Sie berichtet von einem Vorfall mit ihrer Tochter auf YouTube Kids: „Meine Tochter hat damals gern Peppa Wutz geschaut. Dann war ein Video zu Ende, das nächste startete automatisch, und ich dachte plötzlich: Warum klingt die Stimme von Peppa denn so anders?“ Auf dem Bildschirm sei plötzlich ein Video zu sehen gewesen, in dem Peppa Wutz durch einen Fleischwolf gezogen wurde. „Deshalb sitze ich immer dabei“, betont Hoischen.
Sie fordert mehr Engagement der Plattformbetreiber: „Solche Videos sind manchmal nur einen Klick entfernt. Daran müssen die Plattformen arbeiten.“ Zugleich räumt sie ein, dass sich bereits viel verbessert habe: „Als ich 2020 mit Social Media angefangen habe, bekam ich zum Beispiel sehr viele Dickpics und sexuelle Nachrichten. Mittlerweile wird das viel besser herausgefiltert.“
Forderung nach Schulfach Medienkompetenz
Hoischen wünscht sich von der Politik, insbesondere von Bundesfamilienministerin Karin Prien, die Einführung eines eigenen Schulfachs Medienkompetenz in ganz Deutschland. „Das erreicht alle Bildungsgruppen und Altersklassen“, argumentiert sie. „Dort sollten Basisinhalte vermittelt werden, die jedes Kind gehört haben muss, bevor es sich im Internet bewegt.“
Sie zieht einen historischen Vergleich: „Auch der Buchdruck hat Menschen anfangs Angst gemacht. Plötzlich wurden Leute schlau, sie konnten die Bibel selbst lesen und sich eine eigene Meinung bilden. Diese Angst vor neuen Medien ist historisch also nichts Neues.“
Potenzial von Social Media und eigene Kindheit
Hoischen erinnert an die positiven Seiten von Social Media: „Wenn man Social Media richtig nutzt, können Kinder dort Kreativität und Ideen finden, die ich damals nicht hatte. Social Media hat so viel Potenzial. Das wird oft vergessen.“ Ihre eigene Kindheit beschreibt sie als unbeschwerter: „Hinter unserem Haus lief ein Bach. Ich habe mit meinen Freundinnen im Matsch gespielt, Buden gebaut, Blumen von der Nachbarin geklaut und Floristenladen gespielt.“
Zur Frage, ob sie viele Follower verlieren würde, wenn unter 16-Jährige keine Konten mehr haben dürften, sagt sie: „Die Daten der Plattformen sind nicht ganz so genau, dass ich das berechnen könnte. Ich weiß aber, dass meine Zielgruppe auf TikTok am jüngsten ist, auf Instagram, meinem Hauptkanal, eher zwischen 24 und 32. Das zeigt vor allem: Geschichte interessiert jeden irgendwie, egal ob alt oder jung.“



