Berlin. Der deutsche Kanzler Friedrich Merz und seine Regierung stecken in einem Umfragetief. Die Wirtschaft lahmt, die Stimmung im Land ist schlecht. Doch nun beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko. Kann ein erfolgreicher Auftritt der deutschen Nationalmannschaft die Stimmung verbessern und Merz nutzen?
Merz gibt optimistischen Tipp für WM-Auftakt
Am Donnerstag startet die WM, Deutschland spielt am Sonntag gegen Curaçao. Kanzler Merz hat bereits einen klaren Tipp abgegeben: „Die deutsche Mannschaft ist im Augenblick so gut aufgestellt und hat sich so gut entwickelt, dass sie die Chancen hat, in die letzten Runden zu kommen, ins Halbfinale, und wenn es richtig gut läuft, kann sie auch ins Finale kommen“, sagte er kürzlich. „Wenn Deutschland im Endspiel ist, fahre ich selbstverständlich hin.“ Vor dem ersten Spiel ließ eine Regierungssprecherin ausrichten: „Sein Tipp: klarer Sieg unseres Teams.“
Historische Nähe zwischen Kanzlern und Fußball
Deutsche Bundeskanzler haben in der Vergangenheit immer wieder die Nähe zum Fußball gesucht. Helmut Kohl kam 1990 nach dem WM-Titel in die Kabine, Angela Merkel feierte 2014 ausgelassen mit den Spielern. „Von Nähe zu den Sportlern profitieren Politiker“, sagt Sportwissenschaftler Harald Lange von der Universität Würzburg. „Wenn sie es schaffen, im Schatten eines sportlichen Erfolgs auf dem ein oder anderen Bild eine Rolle zu spielen, ist das wie ein Jackpot für die politische PR.“ Gerade in schwierigen Zeiten könnten Politiker ihr Image aufbessern, indem sie neben den Siegern stehen und etwas vom Glanz abbekommen.
Merz als Fußballfan: Borussia Dortmund im Herzen
Merz selbst ist eingefleischter Fan von Borussia Dortmund und sitzt ab und zu mit schwarz-gelbem Schal im Stadion. Das Zeug zum Fan hat er also. Experte Lange rät dem Kanzler: „Der Bundeskanzler sollte aus Imagegründen früh zur WM reisen. Allein, um der Gefahr zu entgehen, dass es wegen eines frühen Ausscheidens nichts wird mit dem gemeinsamen Mannschaftsfoto.“
Kann Fußball die Stimmung im Land verbessern?
Die Bedeutung des Fußballs für die deutsche Seele ist bekannt. Das „Sommermärchen“ 2006 gilt als gesellschaftliches Erweckungserlebnis. „Der emotionale Strohhalm, an dem sich eine Nation noch festhalten kann, ist in der Tat der Sport“, sagt Sportwissenschaftler Gerhard Nowak von der IST-Hochschule in Düsseldorf. Sportevents wie die WM seien „wie ein Lagerfeuer“, an dem sich die Nation versammeln könne. Ein sportlicher Erfolg des eigenen Teams könne die Stimmung im Land verbessern.
Allerdings sind die Voraussetzungen diesmal schwierig. Die deutsche Elf zählt nach mageren Jahren nicht zum Favoritenkreis. Laut einer Umfrage der IST-Hochschule interessieren sich nur etwa vier von zehn Befragten für die WM. Die politische Lage in den USA unter Donald Trump und die Kommerzialisierung durch die Fifa trüben die Vorfreude. Zudem fallen viele Spiele aufgrund der Zeitverschiebung erst spät abends oder nachts an, was gemeinschaftliche Erlebnisse erschwert. „Durch die Zeitverschiebung dürfte der Konsumeffekt für die deutsche Wirtschaft durch die WM gering sein“, so Nowak.
Kein dauerhafter Effekt auf die Stimmung
Auch bei einem sportlichen Erfolg der Nagelsmann-Elf wäre die Wirkung begrenzt. „Die Menschen nehmen die Partystimmung gerne mit – aber langfristig gibt es keinen Effekt. Denn mit dem Schlusspfiff ist es mit der Feierstimmung wieder vorbei“, sagt Lange. „Es ist ein Mythos, dass ein sportliches Großereignis dauerhaft auf einer gesellschaftlichen Ebene auf die Stimmungswerte durchschlägt.“
Politiker mit unterschiedlichen Erwartungen
Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) äußerte sich skeptisch: „Ich weiß nicht, ob der Fußball die Stimmung in Deutschland diesmal grundsätzlich verändern kann. Wünschenswert wäre es.“ Eine erfolgreiche Mannschaft könne mehr zur Stimmungsverbesserung beitragen als eine weniger erfolgreiche. Er gehe aber davon aus, dass Deutschland ins Finale komme. Der Grünen-Politiker Omid Nouripour sagte: „Wenn die Nagelsmänner Weltmeister werden, freuen wir uns alle sehr. Doch auch ein Sommermärchen lässt die politischen Erwartungen der Menschen nicht einfach verschwinden. Sie wollen zu Recht, dass die Regierung die Probleme löst. Da hilft auch kein Weltmeisterpokal.“



