Nach dem tödlichen Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat sich der Regierende Bürgermeister Kai Wegner (CDU) für einen verstärkten staatlichen Islamunterricht an Schulen ausgesprochen. Der 21-jährige Attentäter Abdul Ballout, ein deutscher Staatsbürger libanesischer Herkunft, war am Samstag mit einem Kleinbus in eine Menschenmenge am Rande der CSD-Veranstaltung gefahren und hatte zudem mit einer Stichwaffe Menschen verletzt. Eine 30-jährige Polin starb, 31 weitere Personen wurden teils lebensgefährlich verletzt. Ballout wurde bei einem Polizeieinsatz getötet. Die Bundesanwaltschaft bestätigte, dass auf seinem Handy ein IS-Bekennervideo gefunden wurde.
Wegner: Islamunterricht als Präventionsinstrument
„Es gibt immer wieder Jugendliche, die durch radikal religiöse Kontakte in sogenannten Hinterhofmoscheen radikalisiert werden“, sagte Wegner der Deutschen Presse-Agentur. „Religionsunterricht an staatlichen Schulen könnte einen großen Teil dazu beitragen, Jugendliche vor solchen Beeinflussungen zu schützen. Dazu gehört, dass auch der Islamunterricht an Schulen stattfindet, der dadurch staatlicher Kontrolle unterliegen würde.“ Wegner betonte, dass auf diese Weise Radikalisierungstendenzen entgegengewirkt werden könnten, „die es in einigen wenigen, nicht in allen Moscheen in Berlin gibt“. Gleichzeitig müsse der Druck auf radikale Moscheen erhöht werden, mit dem Ziel sie zu verbieten. CDU und SPD hatten bereits 2023 in ihrem Koalitionsvertrag die Einführung eines Wahlpflichtfachs Weltanschauungen/Religionen vereinbart, jedoch bisher nicht umgesetzt. Die Teilnahme am Religionsunterricht in Berlin ist freiwillig.
Ermittlungen: DNA-Spuren und IS-Bekenntnis
Im Tatfahrzeug, einem weißen Kleinbus, fanden Ermittler DNA-Spuren des Attentäters. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Ballout selbst am Steuer saß. Auf seinem Handy entdeckten die Ermittler ein Bekennervideo, in dem der vermummte Mann seine Zugehörigkeit zum Islamischen Staat (IS) erklärte. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) bestätigte den Fund. Laut „Bild“ wurde das Video am Tattag aufgenommen; im Wagen fand sich zudem eine Machetenscheide, die Waffe selbst fehlt noch. Mantrailer-Hunde halfen, Ballouts Fluchtweg vom Tatort über die Straße des 17. Juni bis zum Bahnhof Friedrichstraße nachzuvollziehen. Von dort fuhr er mit der S-Bahn nach Spandau, wo er später erschossen wurde. Zwei Cousins von Ballout sollen IS-Kämpfer gewesen sein; der Attentäter versuchte offenbar, über sie Kontakt zur Terrororganisation in Syrien zu knüpfen.
Reaktionen aus der Politik
Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) stellte den Ländern zusätzlich fünf Millionen Euro aus dem Programm „Demokratie leben!“ für Deradikalisierungsangebote in Aussicht. „Für mich ist dieser erschütternde Anschlag Anlass, um die Ausrichtung von 'Demokratie leben!' bei der Extremismusprävention nachzuschärfen und dabei das Thema Deradikalisierung in den Fokus zu nehmen“, sagte Prien. Sie kündigte an, sich mit Ländern und Verbänden – auch muslimischen Gemeinschaften – zu beraten. Prien räumte jedoch ein: „Wenn junge Leute so stark radikalisiert sind wie dieser Täter, dann ist ein Deradikalisierungsprogramm mutmaßlich nicht die Methode der Wahl. Da geht es dann eher um Strafjustiz, Überwachung und Schutzmaßnahmen.“ Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch (SPD), warnte vor einer wachsenden Bedrohung queerer Menschen durch Rechtsextremisten, insbesondere in Ostdeutschland. Sie forderte mehr Schutz für CSD-Veranstaltungen und eine bessere polizeiliche Ansprechbarkeit für queere Opfer.
Gesellschaftliche Forderungen und Gedenken
Der LSVD – Verband Queere Vielfalt legte einen Zehn-Punkte-Katalog mit Sofortforderungen vor, darunter mehr Präsenz von LSBTIAQ*-Ansprechpersonen bei der Polizei und die Aufnahme des Schutzes queerer Menschen in Artikel 3 des Grundgesetzes. „Nach den Solidaritätsbekundungen müssen nun konkrete politische Konsequenzen folgen“, sagte Andre Lehmann aus dem Bundesvorstand. Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) verurteilte Drohungen gegen die Richter, die Ballout zuvor zu einer Haftstrafe unter Vorbewährung verurteilt hatten. „Was aber nicht geht, ist, dass hier konkrete Personen oder ihre Familien unter Druck gesetzt werden oder gar bedroht werden“, sagte sie. Am Dienstagabend gedachten in Warschau rund 500 Menschen der getöteten Polin vor der Deutschen Botschaft. In Berlin erwägt Wegner ein Mahnmal am Tatort im Tiergarten. „Wir sollten überlegen, ob wir am Tatort im Tiergarten einen Gedenkort für die Opfer des Anschlags auf den CSD schaffen“, sagte er. Ein Trauermarsch und eine Kundgebung am Sonntag zogen 8.000 bis 10.000 Teilnehmer an.
SPD: Grundgesetzänderung für queere Rechte
Der SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach forderte nach dem Anschlag eine zügige Verankerung der sexuellen Identität im Grundgesetz. Der Bundesrat hatte im September 2025 einen entsprechenden Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der im Bundestag jedoch bisher nicht verabschiedet wurde. Krach sagte: „Wenn die CDU es ernst meint mit dem Schutz von queeren Menschen, dann muss sie sich jetzt auch im Bundestag endlich bewegen und der Verankerung der sexuellen Identität im Artikel 3 des Grundgesetzes zustimmen.“ Er forderte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) auf, eine Abstimmung ohne Fraktionszwang zuzulassen. Derweil richtete das Landesamt für Gesundheit und Soziales eine telefonische Beratungshotline für Betroffene des Anschlags ein.



