Klimaziele gefährdet: CO₂ aus der Luft holen ist notwendig – aber es klafft eine riesige Lücke
CO₂ wieder aus der Luft zu holen, um die Klimaschäden zu verringern, klingt praktisch, ist aber äußerst aufwendig. Bislang liegen Welten zwischen den Plänen, der Realität und dem, was eigentlich notwendig wäre. Die Menschheit pustet mehr CO₂ in die Atmosphäre, als das Klima unseres Planeten verkraften kann: Die Erde heizt sich auf, und gefährliche Extremwetterereignisse nehmen zu. Diese Emissionen müssten dringend sinken, wenn die Erderwärmung begrenzt werden soll – und das möglichst schnell. Doch es gibt Bereiche, in denen Einsparungen besonders schwierig sind. Gebäude und Verkehr gehören dazu.
CO₂-Entnahme als Baustein der Klimapolitik
Da kommt die CO₂-Entnahme aus der Atmosphäre ins Spiel. Regierungen in aller Welt bauen mit ihren Klimaschutzplänen fest auf diese Methode. Doch schon heute gibt es eine Lücke zwischen dem Ausmaß, in dem CO₂ bereits der Atmosphäre entnommen wird oder Staaten dies zugesagt haben, und dem Ausmaß, in dem dies zur effektiven Bekämpfung der Klimakrise nötig wäre.
1,5-Grad-Ziel nur mit CO₂-Entnahme noch möglich
Diese Lücke droht massiv zu wachsen, wie ein internationales Forschungsteam in einer aktuellen Bestandsaufnahme warnt. An dem Bericht „State of Carbon Dioxide Removal“ sind neben Forschern aus Oxford, Wisconsin und Maryland auch Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) beteiligt. „Die Lücke wächst mit der Zeit stark an“, warnt William Lamb vom PIK.
Derzeit werden der Bestandsaufnahme zufolge jährlich etwa 2,2 Milliarden Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre entfernt, hauptsächlich durch Maßnahmen wie Wiederaufforstung. „Bis 2035 haben Länder rund 2,7 Milliarden Tonnen CO₂-Entnahme zugesagt, bis 2050 etwa 3,6 Milliarden Tonnen“, sagt Lamb. Die Erwärmung wieder auf 1,5 Grad zu senken, würde aber deutlich mehr erfordern.
Lücke wächst dramatisch
Lamb bezieht sich damit darauf, dass das international angestrebte Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen, mittlerweile unter Klimaforschern als kaum noch erreichbar gilt – zumindest ohne einen sogenannten „Overshoot“, also eine zeitweise Überschreitung dieser Marke. Damit die Temperatur wie erhofft danach wieder sinken kann, wären zeitweise netto sogar Negativemissionen notwendig – also es müsste der Atmosphäre mehr CO₂ entzogen werden, als ausgestoßen wird. Die bisherigen nationalen Zusagen zur CO₂-Entnahme bleiben der Studie zufolge bis 2050 um mehr als fünf Milliarden Tonnen pro Jahr hinter den Mengen zurück, die benötigt würden, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.
So schnelles Wachstum wie bei Solarenergie nötig
Um die Lücke zu schließen, müsste die CO₂-Entnahme ähnlich schnell wachsen wie andere derzeit expandierende Technologien wie Solarenergie und Elektroautos – oder sogar noch schneller. Dies ist jedoch nicht in Sicht, was auch daran liegt, dass viele Methoden noch unwirtschaftlich sind. Die Spannbreite der Kosten liegt bei zehn US-Dollar pro Tonne CO₂ bis hin zu mehr als 1000 US-Dollar pro Tonne. Bei den meisten Methoden liege das obere Ende der Preisspanne weit über derzeit geltenden CO₂-Preisen um etwa 200 Dollar pro Tonne. Damit mehr CO₂ entzogen werde, gelte es also, die Preise herunterzubringen, schlussfolgern die Forscher. So könnte dafür gesorgt werden, dass Unternehmen, die Projekte etwa im Bereich CO₂-Speicherung aufbauen, mit einer stabilen Nachfrage rechnen können.
Politik ist gefragt
Das Forschungsteam sieht daher die Politik in der Pflicht, entsprechend zu steuern. Derzeit beschränke sich die Politik noch eher darauf, etwa Forschung und Entwicklung im Bereich CO₂-Entnahme zu fördern. In den vergangenen Jahren seien nur etwa 20 Prozent der geplanten Kapazitäten für neue CO₂-Entnahmetechnologien tatsächlich umgesetzt worden. Dies zeige, wie schwierig es sei, Projekte bis in den Betrieb zu bringen. Ein Vorreiter-Projekt steht in Island: Die dortige Anlage „Mammoth“ – nach Angaben des Betreibers die weltgrößte – ging 2024 in Betrieb und saugt CO₂ aus der Luft, um es in Gestein umzuwandeln. Sie soll 36.000 Tonnen CO₂ pro Jahr speichern können.
PIK-Forscherin Sabine Fuss betont jedoch: „Wir können uns nicht auf eine einzige Methode zur CO₂-Entnahme verlassen.“ Es brauche einen breiten Mix verschiedener Ansätze, die zu unterschiedlichen Regionen und Anwendungen passen. Es müsse auch in teure Methoden investiert werden, damit deren Kosten die Chance hätten, langfristig zu sinken. Geden betont, es sei weiterhin am wichtigsten, Emissionen einzusparen – ohne CO₂-Entnahme werde es aber nicht gehen. Sie sei ein wichtiger Baustein, „auf den sich alle Staaten verlassen“. Dies zeigte sich in den vergangenen Jahren auf den Weltklimakonferenzen, zu denen alle Staaten der Welt darlegen müssen, welchen Beitrag sie zur Bekämpfung der Klimakrise leisten wollen.



