Anschlag auf den Berliner CSD: Die Motive des Abdul B.
Der Anschlag auf den Christopher Street Day (CSD) in Berlin hat die Debatte über queerfeindliche Gewalt neu entfacht. Der mutmaßliche Täter Abdul B., ein 21-jähriger deutscher Staatsbürger mit libanesischen Wurzeln, war den Behörden als islamistischer Gefährder bekannt. Bereits im Mai 2026 wurde er wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat verurteilt, nachdem er versucht hatte, sich dem Islamischen Staat (IS) als Kämpfer anzuschließen. Ob er gezielt die queere Community oder lediglich eine Großveranstaltung angreifen wollte, ist noch Gegenstand der Ermittlungen.
Typisches Täterprofil: Jung, männlich, ideologisch verblendet
Das Bundeskriminalamt (BKA) stellt in seinem „Lagebild zur kriminalbezogenen Sicherheit von LSBTIQ*“ fest, dass die meisten Täter queerfeindlicher Gewalt jung und männlich sind – ein Profil, das auf Abdul B. zutrifft. Laut BKA sehen die Angreifer LSBTIQ* „oft als Bedrohung für traditionelle Geschlechterrollen und heteronormative Familienstrukturen“. Die Gewalt werde häufig als Akt der Verteidigung von Religion, Gemeinschaft oder Familie rationalisiert, begleitet von einer Entmenschlichung der Opfer. „Häufig sind es Menschen, die in ihrem Leben an irgendetwas gescheitert sind und dann Zuflucht in extremen Ideologien suchen“, erklärt Alexander Vogt vom Verband Queere Vielfalt (LSVD+) gegenüber ntv.de. „Beeinflusst durch diese Ideologien lehnen sie eine freie Sexualität ab, was auch immer dazugehört.“ Neid spiele dabei eine wichtige Rolle.
Abdul B.s Hintergrund: Nicht extrem religiös, aber radikalisiert?
Nach Angaben seiner Familie wuchs Abdul B. in einem „nicht extrem religiösen“ schiitisch-islamischen Umfeld auf. Er lebte mit seiner Mutter und zwei seiner drei Schwestern in Berlin. Möglicherweise radikalisierte er sich unbemerkt von seiner Familie. Diese Entwicklung passt in ein Muster, das der Verfassungsschutz in eigenen Papieren als „Queerfeindlichkeit im Islamismus“ beschreibt: eine Mischung aus religiös-traditionalistischen Sexual- und Geschlechternormen, einem patriarchalen Weltbild und dem ideologischen Kampf gegen westliche Liberalität.
Offizielle Zahlen: Welche Rolle spielt islamistische Motivation?
Das BKA-Lagebild von Dezember 2024 weist für 2023 rund 1785 Straftaten gegen LSBTIQ* aus. Davon waren lediglich 3,33 Prozent durch ausländische Ideologien motiviert, weitere 3,71 Prozent durch religiöse – wobei darunter auch andere Religionen als der Islam fallen können. Demgegenüber standen 35,56 Prozent rechtsextrem motivierte Taten. Der große Rest von 54,28 Prozent wird unter „sonstige Motive“ zusammengefasst, was laut BKA unter anderem auf unterschiedliche Erfassungsmethoden der Bundesländer zurückzuführen ist. Alexander Vogt kritisiert zudem, dass viele Taten nicht als queerfeindlich erfasst würden: „Wir hatten Fälle, in denen schwule Männer über Apps in Fallen gelockt und dann überfallen wurden. In Frankfurt/Oder standen fünf junge Leute vor Gericht, da haben sich Menschen aus dem rechten und islamistischen Milieu zusammengetan.“
Dunkelfeld: 96 Prozent der Hassreden werden nicht angezeigt
Das BKA selbst räumt ein großes Dunkelfeld ein, da viele Opfer aus Angst vor Diskriminierung oder mangelnder Ernstnahme auf eine Anzeige verzichten. Eine Studie von 2020 ergab, dass 96 Prozent der LGBTQI*-Betroffenen Hate Speech und 87 Prozent körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht melden. Diese Zurückhaltung erschwert die genaue Erfassung queerfeindlicher Gewalt.
Entwicklung: Stetiger Anstieg queerfeindlicher Straftaten
Bei der Vorstellung des Lagebilds im Dezember 2024 sprach die damalige SPD-Innenministerin Nancy Faeser von einem „besorgniserregenden Anstieg“ über die vergangenen Jahre. Die häufigsten Straftaten waren Beleidigungen, Gewalttaten, Volksverhetzungen sowie Nötigungen und Bedrohungen. Allein 212 Menschen wurden 2023 Opfer von Gewalttaten – ein Anstieg gegenüber 197 im Vorjahr. Vogt betont, dass von islamistischer Queerfeindlichkeit besonders Schwule, Lesben und Transpersonen aus muslimischen Familien betroffen seien: „Wenn man über diesen Hass schweigt, dann lässt man genau die im Stich.“



