Hannover – In der Nordsee bahnt sich ein Konflikt um neue fischereifreie Zonen an. Die niedersächsische Landesregierung hat einen Vorschlag vorgelegt, der die Küstenfischerei einschränken soll. Sowohl Fischer als auch Umweltverbände zeigen sich unzufrieden mit den Plänen, die auf EU-Vorgaben zum Meeresschutz zurückgehen. Am 21. Juli soll der Vorschlag im Niedersächsischen Fischereidialog erörtert werden, an dem auch Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte und Umweltminister Christian Meyer (beide Grüne) teilnehmen.
EU-Vorgaben erzwingen strengeren Schutz
Die EU-Biodiversitätsstrategie verlangt, dass bis 2030 mindestens 30 Prozent der EU-Gewässer unter Schutz gestellt werden. Zehn Prozent dieser Fläche müssen streng geschützt werden, was ein Fischereiverbot bedeutet. Niedersachsen ist als Anrainer verpflichtet, diese Vorgaben umzusetzen. Der seit über einem Jahr laufende Fischereidialog soll ein Flächenkonzept entwickeln, das die Schutzziele mit den wirtschaftlichen Interessen der Fischerei vereinbart. Beteiligt sind neben den Ministerien auch Fischerei- und Umweltverbände, der Heimatbund, die Landwirtschaftskammer und Küstenkommunen.
Vorschlag der Landesregierung: Karte mit Fangverbotszonen
Die Umwelt- und Landwirtschaftsministerien haben eine Karte vorgelegt, die fischereifreie Gebiete ausweist. Demnach soll unter anderem nördlich von Borkum, südöstlich von Wangerooge, im östlichen Jadebusen und vor Teilen der Wurster Nordseeküste nicht mehr gefischt werden dürfen. Zuvor hatten Fischereibetriebe, Umweltverbände und lokale Akteure Stellungnahmen abgeben können. Landwirtschaftsministerin Staudte bezeichnete das Konzept als „ausgewogenen Vorschlag“, der die Interessen der Küstenfischerei berücksichtige. Umweltminister Meyer ergänzte, die Gebietsauswahl stelle weder die Existenz einzelner Betriebe noch der Hafenstandorte in Frage.
Fischer lehnen Vorschlag ab: „Hotspots“ betroffen
Bei den Fischern stößt der Plan auf Widerstand. Gerold Conradi, zweiter Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Weser-Ems, kritisierte, dass es sich bei den ausgewählten Gebieten oft um die „Hotspots“ handele, in denen viele Küstenfischer hauptsächlich fischten. „Wir sehen andere Gebiete, die wir abgeben könnten“, sagte Conradi. Er erwarte, dass die Vorschläge im Dialog besprochen werden, und die Fischer eigene Vorschläge einbringen wollen. „Es ist ja ein Dialog und kein Monolog“, betonte Conradi. Eine Abschlusssitzung des Dialogs sei aus seiner Sicht noch nicht möglich. Dirk Sander, erster Vorsitzender des Landesfischereiverbandes Weser-Ems, hatte bereits im März gefordert, dass ein Dialog nur erfolgreich sein könne, wenn am Ende für alle Seiten greifbare Ergebnisse vorlägen.
Umweltverbände: Flächen zu klein und falsch platziert
Der Nabu Niedersachsen kritisierte, die vorgelegten Flächen seien aus naturschutzfachlicher Sicht unzureichend. Sie befänden sich alle in der Nähe von Mündungen und Fahrwassern von Ems, Jade, Weser und Elbe und seien stärker durch Schadstoffe gefährdet als etwa die Region zwischen Borkum und der Westspitze von Wangerooge. „Ausgerechnet in diesen naturnäheren Teilen des Wattenmeeres ist keine einzige fischereifreie Zone vorgesehen“, so der Nabu. Wichtige Flächen für Muschelbänke, Seegraswiesen und Seemoosbestände fehlten, und die schutzbedürftigen Steinriffe bei Borkum würden kaum berücksichtigt.
Auch der WWF zeigte sich unzufrieden. Meeresschutzexpertin Catherine Zucco kritisierte, die vorgesehenen Gebiete seien „zu klein und zersplittert“. Nur ein Tidebecken werde vollständig geschützt, die Otzumer Balje zwischen Spiekeroog und Langeoog bleibe außen vor. „In den Nationalparken des Wattenmeers muss gut die Hälfte des jetzt befischten Bereichs der Natur vorbehalten sein“, sagte Zucco unter Verweis auf das Bundesnaturschutzgesetz. „Das Land Niedersachsen schlägt nur gut ein Viertel der gesetzlich notwendigen Flächen vor.“ Ein Teil dieser Gebiete werde jetzt schon nicht befischt, mit den Vorschlägen ändere sich kaum etwas.
Küstenkommunen fordern Zukunftsperspektive
Jürgen Peters, parteiloser Bürgermeister von Neuharlingersiel (Kreis Wittmund), kann dem Vorschlag grundsätzlich zustimmen, mahnt aber eine Zukunftsperspektive für die Küstenfischerei an. „Grundsätzlich bedarf es meines Erachtens einer Erklärung des Landes, dass auf den verbleibenden Flächen die Fischerei und welche Art der Fischerei weiterhin möglich ist“, sagte Peters. Die Fischerei sei ein wichtiger wirtschaftlicher Bestandteil der Küstenregion. Küstenfischer gebe es noch in vielen kleineren Häfen wie Ditzum, Greetsiel, Dornumersiel, Neuharlingersiel, Fedderwardersiel, Wremen und Dornum. „Diese Betriebe sind auf küstennahe Fanggebiete angewiesen. Die genannten Häfen haben kaum eine Nutzungsalternative“, so Peters. Man solle sich bemühen, diese Häfen mit ihrem Mehrwert, insbesondere für den Tourismus, zu erhalten.
Entscheidung liegt bei Landesregierung und Landtag
Die endgültige Entscheidung über die fischereifreien Gebiete obliegt der niedersächsischen Landesregierung und dem Landtag. Die Regelungen sollen in das Nationalparkgesetz einfließen. Zuvor werden die Ergebnisse des Fischereidialogs abgewartet. Ob der Dialog am 21. Juli zu einem Abschluss kommt, ist angesichts der unterschiedlichen Positionen fraglich.



