EU-Solidarität in der Ceuta-Krise: Ein fatales Signal
EU-Solidarität in der Ceuta-Krise: Ein fatales Signal

Die Bilder von Ceuta sind verstörend: Migranten klettern über Grenzzäune, spanische Soldaten versuchen, die Ordnung zu halten. Doch die politische Debatte, die sich daran entzündete, war aus Sicht von Steffen Lüdke eine einzige Fehlleistung. Sein Kommentar vom 1. August 2026 richtet sich an jene EU-Partner, die angesichts der Grenzkrise nicht etwa Marokko in die Pflicht nehmen, sondern Spanien vorführen. Diese Haltung, so seine These, ist nicht nur unfair – sie ist politisch gefährlich.

Ein gefährlicher Präzedenzfall

Ceuta ist eine der beiden spanischen Exklaven an der Mittelmeerküste Afrikas, ein Stück EU-Territorium mit einer Grenze, die immer wieder zum Ort der Eskalation wird. Tausende Menschen versuchten, die Grenzanlagen zu überwinden – ausgelöst nach Einschätzung vieler Beobachter nicht zuletzt durch die Haltung Marokkos, das seine Grenzsicherungspolitik als Druckmittel gegenüber Madrid und Brüssel einzusetzen weiß. Die spanischen Behörden reagierten mit einem massiven Einsatz, doch politisch stand Spanien schnell am Pranger.

Statt den Druck auf Rabat zu erhöhen, sei die EU in eine reflexive Kritik an Spanien verfallen, moniert Lüdke. Das sei ein gefährlicher Präzedenzfall, weil er signalisiere, dass sich ein Mitgliedstaat bei Migrationsbewegungen nicht auf die Unterstützung der Gemeinschaft verlassen kann. Wer in der Krise anfange, die Reihen zu schließen statt den gemeinsamen Werten zu folgen, schwäche am Ende ganz Europa.

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Die falsche Adresse für den Zorn

Besonders irritiert den Kommentator, dass viele EU-Partner ihre Empörung ausgerechnet gegenüber Spanien artikulierten. Dabei sei es doch offensichtlich, dass Spanien die Migranten nicht eingeladen habe, sondern sich gegen den Zustrom zur Wehr setzen musste. Die spanischen Sicherheitskräfte hätten die Lage unter großem Aufwand unter Kontrolle gebracht – eine Überforderung, die eher mehr Solidarität als mehr Kritik verdient hätte.

Lüdke erinnert daran, dass Ceuta und die Nachbarstadt Melilla seit Jahrzehnten als äußere Grenze der EU fungieren. Dass die Sicherung dieser Grenze fast vollständig auf den Schultern eines einzigen Mitgliedstaats lastet, sei eine strukturelle Schieflage, die sich nun räche. Statt jedoch über eine gemeinsame europäische Migrationspolitik zu sprechen, fielen die Reaktionen auf nationalstaatlichen Reflex zurück – und Spanien stand plötzlich vor dem Tribunal der öffentlichen Meinung. Vorwürfe, Madrid handele zu lasch oder gar unmenschlich, kamen aus verschiedenen Hauptstädten, während die eigentliche Frage nach der Verantwortung Marokkos ausgeblendet blieb.

Migrationspanik als Erpressungsinstrument

Der Kern von Lüdkes Kritik ist jedoch noch grundsätzlicher: Die „Migrationspanik“, die aus solchen Debatten spricht, sei ein Geschenk an jeden, der Europa erpressen will. Länder wie Marokko könnten die Europäische Union nur dann als Verhandlungsgegenstand benutzen, wenn diese ihre eigene Verwundbarkeit so unverhohlen zeige wie zuletzt im Fall Ceuta.

Indem sich die EU-Staaten gegenseitig unter Druck setzten, spielten sie denjenigen in die Hände, die aus Migration ein politisches Instrument gemacht haben. Nicht die Migranten selbst seien das Problem, sondern die Instrumentalisierung ihrer Not – und die Unfähigkeit der EU, darauf mit einer gemeinsamen Antwort zu reagieren. Wer jetzt von Spanien verlange, härter durchzugreifen, verkenne, dass es Marokko sei, das die Krise provoziert habe – oder zumindest zugelassen habe, dass sie die Sichtbarkeit erreichte, die nun ganz Europa in Atem hält.

Ein Weckruf für Europa

Am Ende seines Kommentars appelliert Lüdke an die europäischen Regierungen, ihre Prioritäten neu zu ordnen. Statt öffentlich über Madrid herzuziehen, sollten sie Rabat klar die Konsequenzen einer fortdauernden Erpressung vor Augen führen. Nötig sei ein gemeinsames Auftreten, das sowohl humanitäre Verantwortung als auch den Schutz der Außengrenzen ernst nehme – ohne die Last auf ein einzelnes Land abzuschieben.

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Die EU könnte etwa finanzielle Hilfen an Marokko an klare Bedingungen knüpfen und gleichzeitig eine gemeinsame Linie bei der Rücknahme abgelehnter Asylbewerber festlegen. Entscheidend ist nach Lüdke jedoch, dass die Mitgliedstaaten endlich aufhören, Migrationskrisen als Bühne für innenpolitische Profilierung zu nutzen. Die eigentliche Lektion aus Ceuta lautet: Die EU wird nur dann stark sein, wenn sie in der Krise zusammenhält. Wer den Nachbarstaat allein lasse, der dürfe sich nicht wundern, wenn die nächste Grenze nicht zu halten sei.

Spanien werde sich diese mangelnde Solidarität merken, lautet der Unterton seines Kommentars. Und nicht nur Spanien: Auch andere Grenzstaaten wie Griechenland, Italien oder Malta schauen aufmerksam darauf, wie die Gemeinschaft in diesen Tagen mit Madrid umspringt. Wer die Regeln der Solidarität einmal verletzt, so Lüdkes Warnung, der darf sich nicht wundern, wenn sie beim nächsten Mal niemand mehr einfordert.