Ganz Argentinien huldigt Lionel Messi, unter dessen Führung die Albiceleste das Halbfinale der Fußball-WM erreicht hat. Der Einzug in die Runde der letzten vier hat eine Euphorie entfacht, auch bei vielen, die vor dem Turnier skeptisch waren. Vor dem Halbfinale gegen England am Mittwoch (21 Uhr MEZ, ARD und Magenta TV) rückt jedoch einmal mehr Diego Maradona in den Fokus.
Die 'Hand Gottes' und der Falklandkrieg
1986 erzielte Maradona im Viertelfinale gegen England sein berühmtes Tor zum 1:0 mithilfe der Hand. Die 'Hand Gottes' gehört bis heute zu den ikonischsten Momenten der Fußballgeschichte. 'Im argentinischen Fernsehen läuft diese Szene dieser Tage hoch und runter', sagt Wolfgang Muno, Argentinien-Experte von der Universität Rostock. Maradona erzielte an jenem 22. Juni im Aztekenstadion auch das 2:0, das als 'WM-Tor des Jahrhunderts' gilt – ein Sololauf über 60 Meter, bei dem er sechs englische Spieler umkurvte. 'Das war eigentlich das viel schönere Tor', so Muno. 'Aber die Hand Gottes hat einfach diesen besonderen Stellenwert.'
Muno beschreibt das anstehende Duell als 'ein ganz besonderes Duell mit Schärfe und einer politischen Dimension'. Der Falklandkrieg wird dieser Tage wieder häufig aufgegriffen. Die argentinische Militärjunta ließ die Falkland-Inseln im April 1982 besetzen. Premierministerin Margaret Thatcher reagierte umgehend und entsandte Kriegsschiffe. Als Argentinien im Juni kapitulierte, waren zwischen 600 und 700 Soldaten ums Leben gekommen, davon 323 durch die Versenkung des Kreuzers ARA General Belgrano. 'Die Junta hatte mit diesem Krieg abgewirtschaftet', sagt Muno. Der Streit um die Inseln, in Argentinien Malvinas genannt, ist bis heute ungelöst.
Historische Fußball-Feindschaft
Die Fußball-Feindschaft begann bereits 1966 im Viertelfinale in Wembley. Argentiniens Kapitän Antonio Rattín, der am vergangenen Samstag im Alter von 89 Jahren starb, führte eine Privatfehde mit Schiedsrichter Rudolf Kreitlein. Nachdem Rattín vom Platz geschickt wurde, weigerte er sich zu gehen, was zu einer zehnminütigen Unterbrechung führte. Beim Abgang zerknüllte Rattín eine englische Fahne. England gewann 1:0. Trainer Alf Ramsey hinderte seine Spieler am Trikottausch und beschimpfte die Argentinier als 'Tiere'. In Argentinien wurde das als koloniale Verachtung aufgefasst.
1998 trafen beide im Achtelfinale aufeinander. David Beckham foulte Diego Simeone und wurde mit Rot vom Platz gestellt. England verlor im Elfmeterschießen. Beckham wurde in der Heimat massiv angefeindet: Vor einem Pub wurde eine Beckham-Puppe aufgehängt, der 'Daily Mirror' schrieb 'Zehn heldenhafte Löwen, ein dummer Junge.' 2002 nahm Beckham Revanche: Sein Elfmetertor zum 1:0-Sieg führte zum Ausscheiden Argentiniens in der Vorrunde.
Messi als Hoffnungsträger
'Das ist nur ein Fußballspiel, okay?', sagt Argentiniens Trainer Lionel Scaloni und versucht, die Wucht herunterzuspielen. Der 'Guardian' schreibt: 'Es ist das Wiederaufflammen einer der intensivsten Rivalitäten des Weltfußballs, genährt von Politik, Geschichte und Skandalen. Es ist die Rivalität von Maradona und Shilton, von Beckham und Simeone – aber sie wird nun erstmals Messi einschließen.'
Messi kommt eine Sonderrolle zu, da seine Form maßgeblich über den Ausgang entscheiden dürfte. 'Maradona steht aktuell über ihm', sagt Muno. 'Aber wenn es ihm gelingt, Argentinien zur Titelverteidigung zu führen, dann kommt er ihm sehr nahe.' Der Fokus dürfte sich am Mittwoch von Maradona und der 'Hand Gottes' auf Messi, den Nationalhelden der Gegenwart, verlagern. (mit dpa)



