Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat seine einstige Rolle als einer der schärfsten Kritiker von Fifa-Präsident Gianni Infantino weitgehend aufgegeben. Stattdessen verfolgt der Verband einen Kurs der Vorsicht und des Mitläufertums, wie eine Analyse der jüngsten Entwicklungen zeigt. Diese Kehrtwende wird besonders deutlich im Kontrast zu den klaren Worten, die der frühere DFB-Präsident Bernd Neuendorf vor der WM 2022 in Katar fand.
Vom Konfrontationskurs zur Zurückhaltung
Vor der Weltmeisterschaft in Katar 2022 hatte der DFB noch eine deutliche Haltung gegenüber der Fifa und ihrem Präsidenten gezeigt. Neuendorf, der im März 2022 sein Amt antrat, kritisierte auf der Eröffnungspressekonferenz des DFB offen die Missstände rund um das Turnier: die fehlende Entschädigung für Familien verstorbener Wanderarbeiter, homofeindliche Aussagen des katarischen WM-Botschafters und die Debatte um die One-Love-Binde. Zudem bezeichnete er einen Brief Infantinos, in dem dieser die Nationen aufforderte, den Fußball nicht in ideologische oder politische Kämpfe hineinzuziehen, als „irritierend und verstörend“. Neuendorf kündigte an, die Wiederwahl Infantinos nicht zu unterstützen.
Doch diese Haltung hat sich nach und nach abgeschwächt. Heute ist von der einstigen Konfrontationsbereitschaft wenig übrig geblieben. Der DFB versucht, das Verhältnis zur Fifa zu normalisieren und Konflikte zu vermeiden. Symptomatisch dafür war eine Aussage von Sportdirektor Rudi Völler vor der jüngsten WM in den USA, Mexiko und Kanada: Er sprach sich für eine klare Trennung von Politik und Fußball aus – eine Lehre aus dem früheren Konfrontationskurs, der den DFB nach eigener Einschätzung die Frauen-WM 2027 gekostet hat, die nun in Brasilien stattfindet.
Rettig als mutige Stimme
Umso bemerkenswerter ist es, dass ausgerechnet Andreas Rettig, der den DFB in wenigen Monaten verlassen wird, in einem Interview mit dem Stern die deutlichsten Worte zu den jüngsten Investorenplänen Infantinos fand. Rettig nannte das Vorgehen Infantinos „in höchstem Maße ungehörig“, sprach von einem „irreparablen“ Vertrauensverlust und ließ durchblicken, dass er auf einen Wechsel an der Spitze der Fifa hofft. Diese Aussagen stehen in starkem Kontrast zur ansonsten zurückhaltenden Kommunikation des DFB.
Die Entwicklung zeigt: Der DFB ist nicht mehr Vorreiter in kritischen Debatten, sondern reagiert nur noch auf Druck von außen. So verweigerte Neuendorf zwar kürzlich die Unterschrift unter ein Unterstützungsschreiben für Infantinos Wiederwahl 2027, aber erst, nachdem der Widerstand gegen den Fifa-Chef von allen Seiten gewachsen war. Auch bei der Kritik am Anruf Donald Trumps bei Infantino im Fall Folarin Balogun – ein Vorgang, der die Unabhängigkeit des Weltverbandes in Frage stellte – reagierte der DFB erst, nachdem die Uefa ihre Empörung formuliert hatte.
Kleineren Verbänden hinterher
Während der DFB zunehmend zum Mitläufer geworden ist, stellen sich kleinere Verbände wie Norwegen verlässlich gegen Infantinos Ausfälle. Diese Entwicklung ist besorgniserregend, denn der DFB als einer der größten und einflussreichsten Verbände der Welt sollte eigentlich eine führende Rolle in der Kritik an der Fifa einnehmen. Doch stattdessen scheint der Verband mehr darauf bedacht, eigene Vorteile zu sichern, als grundsätzliche Missstände anzuprangern.
Ein Beispiel für die neue Zurückhaltung ist der Umgang mit der Verleihung eines Fifa-Friedenspreises an Donald Trump: Neuendorf fand diesen Vorgang nicht öffentlich verwerflich. Auch die Aufblähung des WM-Formats und die geplanten Investoren-Deals der Fifa kommentierte der DFB nur zögerlich. Es scheint, als habe der Verband aus den Erfahrungen von Katar gelernt – aber in die falsche Richtung.
Der frühere Bundestrainer Hansi Flick hatte vor der WM 2022 noch gesagt: „Wir wollen auf die Missstände aufmerksam machen. Dafür steht der DFB, dafür steht die Mannschaft.“ Heute wirken diese Worte wie aus einer anderen Zeit. Der DFB hat sich von seiner Rolle als kritischer Mahner verabschiedet – und das könnte langfristig nicht nur dem Ansehen des Verbandes schaden, sondern auch dem Fußball insgesamt.



