Fanforscher: Protestwelle rollt auf die Bundesliga zu
Fanforscher: Protestwelle rollt auf die Bundesliga zu

Die Bundesliga steht womöglich vor einem heißen Saisonstart: In zwei Schreiben haben bundesweite Ultra-Szenen angekündigt, den Streit um die Regionalliga-Reform in die Erstliga-Stadien zu tragen. Fanforscher Prof. Harald Lange (58) von der Universität Würzburg schätzt die Lage im Gespräch mit BILD als brisant ein. Er geht fest davon aus, dass das Thema die Bundesliga und 2. Liga erreichen wird – insbesondere in Bayern.

Hintergrund: Der Streit um das Kompassmodell

In der Regionalliga steigen nur vier von fünf Meistern in die 3. Liga auf. Um das zu ändern, sollte die Struktur auf vier Staffeln reduziert werden. Bei einer Klub-Abstimmung gab es eine deutschlandweite Mehrheit für das sogenannte Kompassmodell, das die Vereine jede Saison nach kürzesten Fahrtstrecken neu einteilt. Doch die Verbände blockieren: Es fehle die Zustimmung in allen fünf Einzelregionen. Zudem wurde das Modell kurz vor dem Referendum um acht Startplätze beschnitten – ein weiterer Kritikpunkt für Klubs und Fans.

Die Emotionen kochen nach 14 Jahren Streit. Lange erklärt: „Ich gehe davon aus, dass das Thema in der Bundesliga und 2. Liga ankommt. Speziell in Bayern und beim FC Bayern deutet sich das an. Die Fan-Szenen haben einen sportbezogenen Wertekompass und da passt dieses Thema sehr gut rein. Weil es die Sehnsucht nach einem klaren Ligen-System gibt und man es einfach lösen kann.“ Er zieht Vergleiche zu den Tennisball-Würfen, mit denen Ultras den Investoren-Einstieg in der DFL verhinderten.

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Proteste bei Regionalliga-Auftakt

Bereits zum Saisonauftakt gab es Proteste in vier der fünf Staffeln. So adressierten Zwickau-Fans ihre Kritik im Heimspiel gegen Greifswald persönlich an die Regionalverbandspräsidenten im DFB. Auch in Bayern herrscht Unruhe: Fürth-Anhänger und Bayreuth-Fans hielten in zwei Blöcken dieselben Worte hoch. Bei der Eröffnungszeremonie der Regionalliga Bayern drohten Ultras des 1. FC Schweinfurt dem Bayerischen Verband: „Euer Albtraum wird wahr.“ In Nord-Viertligist Emden und West-Regionalligist Siegen verkündeten Ultras: „Fans und Vereine wehren sich.“

Lange erwartet massive Aktionen – aber keine Wurfgeschosse

Lange prophezeit: „Der Stachel in der Regionalliga-Frage sitzt richtig tief. Der Fall ist prädestiniert und weil es beim Aufstieg von Meistern um die grundsätzliche Gerechtigkeit im Fußball geht, kann es emotionalisieren. Es wächst etwas an der Basis, das Fahrt aufnimmt.“ Er sieht Parallelen zu den Anti-Investoren-Protesten: „Durch die kurzfristigen Veränderungen am Kompassmodell vor der Klub-Abstimmung hat sich der DFB selbst ein Bein gestellt und steht vor einem heißen Herbst. Da kann es passieren, dass es zu großflächigen Aktionen wie bei den Anti-Investoren-Protesten kommt.“

Allerdings erwartet er keine direkten Eingriffe ins Spielgeschehen: „Ich erwarte, dass es massive Spruchbänder, Fangesänge und eine Personalisierung des Themas geben wird. Die Regionalverbandspräsidenten und auch DFB-Chef Bernd Neuendorf werden zu sehen sein. Dagegen glaube ich nicht an Wurfgeschosse oder direkte Eingriffe ins Spielgeschehen. Weil die Bundesliga-Klubs nicht direkt betroffen sind, ist das unwahrscheinlich. Aber die Fans werden Durchhaltevermögen über Monate beweisen und die Regionalliga-Reform immer wieder auf die Tagesordnung setzen.“

Kritik an DFB-Strukturen

Lange, der die DFB-Strukturen seit Jahren kennt, übt scharfe Kritik: „Die Situation ist bereits so aufgepumpt, dass der Kipppunkt grundsätzlich bereits erreicht sein sollte. Im Sinne des Sports ist es ein Unding, dass es sich überhaupt so weit aufschaukelt. Man muss sich fragen, wofür man Landes- und Regionalverbände oder den DFB hat. Das ist ein Armutszeugnis für den deutschen Fußball. Diese Untätigkeit und Unfähigkeit sind ein sportlicher und moralischer Offenbarungseid.“

Er zeigt Verständnis für die Fans, die speziell die Entscheidungsträger anprangern: „Wir haben pseudodemokratische Abläufe, bei denen die tatsächliche Mehrheit nicht im Fokus steht. Das Funktionärswesen hat sich verselbstständigt und der Zustand ist nicht länger haltbar.“

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Wann wird der DFB handeln?

Auf die Frage, wann der DFB endgültig kippen und das Problem lösen würde, sagt Lange: „Zieht man vorhandene Beispiele heran, folgt die Opposition im Stadion einer gewissen Logik. Sobald der Zoff regelmäßig in der Bundesliga auftaucht, wird es eng für die Verantwortlichen. Dieses System reagiert nicht auf Fairplay, sondern auf Druck. Wenn Politik und Sponsoren anfangen, beim DFB ernsthaft zu fragen, was macht ihr da eigentlich? Wenn die sportliche Grundüberzeugung und die Einheit des deutschen Fußballs endgültig auf dem Spiel stehen, dann wird es zur Chefsache und gemanagt werden.“

In vielen Ultra-Kreisen wird ein Ultimatum angekündigt: „Das ist eure letzte Saison.“ Immerhin: Der DFB will zeitnah Gespräche führen und aktiver im Prozess werden. Ob Präsident Bernd Neuendorf nach den zweifelhaften Vorgängen der Regionalverbände wirklich durchgreift, bleibt abzuwarten.