Jeju/Südkorea – Bayerns Präsident Herbert Hainer hat seine Kritik an der Fifa und deren Präsidenten Gianni Infantino nur Stunden nach der Ankunft auf der südkoreanischen Vulkaninsel Jeju erneuert. Bei einer Medienrunde am Rande der Asien-Tour des Fußball-Rekordmeisters legte der 72-Jährige nach und forderte eine lückenlose Aufarbeitung der gescheiterten WM-Verkaufspläne sowie spürbare Konsequenzen für den Weltverband.
Hainer sagte: „Ich bin der Überzeugung, dass es jetzt starke Bestrebungen gibt, das detailliert aufzuarbeiten und dann auch die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Damit eben solche Dinge nicht mehr passieren und man in Zukunft einen deutlich demokratischeren Prozess hat, die Mitgliedsländer und die Konföderationen alle mit eingebunden werden, wenn solche Entscheidungen vorbereitet werden.“
Hainer fordert mehr Demokratie in der Fifa
Der Aufsichtsratschef des FC Bayern bezog sich damit auf den Vorstoß der Fifa, einen Teil ihrer kommerziellen Rechte – etwa an den Weltmeisterschaften – zu verkaufen. Nach Angaben aus dem Umfeld der Planungen sollten zwischen 20 und 30 Prozent der Rechte an eine Investorengruppe gehen, zu der auch Joshua Kushner, der Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, gehören soll. Für die Umsetzung war die Gründung des Tochterunternehmens Fifa Forward Enterprise (FFE) vorgesehen.
Auf die Frage, ob Infantino trotz des Rückziehers als Präsident stolpern könnte, antwortete Hainer: „Das kann ich jetzt nicht sagen, das entscheiden die Mitgliedsländer. Aber Fakt ist, dass sehr viel Druck da ist, um das Ganze aufzuklären, zu erklären, wie es denn überhaupt so weit kommen konnte, dass so ein Vorschlag da ist, ohne dass die ganzen Konföderationen mit einbezogen sind.“
„Selbst Infantinos Berater nicht eingebunden“
Hainer verwies darauf, dass selbst einer der engsten Berater Infantinos offenbar nicht in den Entwurf eingeweiht gewesen sei. „Wenn ich das richtig gelesen habe, dann ist selbst einer der engsten Berater von Gianni nicht involviert gewesen. Das wird bestimmt jetzt detailliert aufgearbeitet, weil so viel Druck da ist, und dann wird man sicherlich auch die nötigen Konsequenzen ziehen. Wie immer die auch aussehen, aber die wird es mit Sicherheit geben.“
Gleichzeitig wollte sich Hainer nicht direkt für einen Austausch Infantinos aussprechen. „Das steht mir nicht zu, über einzelne Personen zu urteilen, und das möchte ich jetzt auch gar nicht, weil in so einer Situation die Urteile meistens dann auch durch das momentane Ereignis beeinflusst werden“, so der Bayern-Präsident gegenüber BILD.
Grundsatz-Kritik an der Kommerzialisierung
Dann wurde Hainer jedoch deutlich: „Prinzipiell kann ich nur nochmal sagen: Mein Grundverständnis ist, dass die Fifa als weltgrößter Dachverband dafür da ist, das Fußballspiel zu organisieren, damit alle auf der Welt vernünftig und unter bestimmten Regeln spielen können. Und der Aufgabe müssen sie gerecht werden. Und es kann nicht sein, dass der Fußball immer mehr kommerzialisiert und nur noch dazu benutzt wird, um eben mehr Geld einzuspielen.“
Damit untermauert Hainer seine bereits vor dem Abflug zur Asien-Tour geäußerte Kritik an den Plänen des Weltverbands. Schon am Samstag hatte er sich öffentlich zu den mittlerweile zurückgezogenen WM-Verkaufsplänen geäußert. Die erneute Attacke auf der Insel Jeju zeigt, dass das Thema den 72-Jährigen auch auf der Reise durch Südkorea weiter beschäftigt.
Infantino verteidigt Kehrtwende
Fifa-Präsident Gianni Infantino hatte die Pläne in einer Stellungnahme, die in der Nacht zum Samstag veröffentlicht wurde, für gescheitert erklärt. „Nachdem wir uns alle Standpunkte aufmerksam angehört haben, ist deutlich geworden, dass das Projekt zu Spaltungen geführt hat, die – unabhängig vom Ausmaß der Unterstützung – nicht mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels liegen“, begründete der Fußball-Boss seine abrupte Kehrtwende.
Ob die Entscheidung Infantinos politisches Überleben sichern kann, bleibt offen. Hainer machte deutlich, dass die Mitgliedsländer das entscheiden müssten. Der Druck auf den Fifa-Chef bleibt indes hoch. Der Vorstoß hatte innerhalb des Fußballs weltweit für Empörung gesorgt, weil die Nationalverbände und Konföderationen offenbar nicht in die Planungen eingebunden waren.
FC Bayern zwischen sportlicher Mission und Verbandskritik
Die Asien-Tour des FC Bayern dient der sportlichen Vorbereitung und der Vermarktung der Marke in der Region. Dass Hainer die Gelegenheit nutzt, um auf der Vulkaninsel Jeju klare Worte an die Fifa-Adresse zu richten, ist bemerkenswert – zeigt aber auch, wie groß der Unmut in den Top-Klubs über die Führung des Weltverbands inzwischen ist.
Der FC Bayern hat als einer der einflussreichsten Vereine Europas eine gewichtige Stimme. Wenn aus der Chefetage des deutschen Rekordmeisters nun eine grundsätzliche Infragestellung der Fifa-Strategie kommt, könnte das weitere Wellen schlagen. Hainer selbst sieht die Lösung in einer Demokratisierung der Entscheidungswege: Wichtige Fragen wie geplante Rechteverkäufe müssten künftig unter Beteiligung aller Mitgliedsländer und Konföderationen vorbereitet werden.



