Gianni Infantino ist das Gesicht des Weltfußballs – und genau das ist das Problem. Unter seiner Führung ist die FIFA mehr denn je in eine Schieflage geraten: Vorwürfe der Intransparenz, der Vetternwirtschaft und der einseitigen privaten Interessen überschatten den Sport. Ein Kommentar.
Eine Ära des Misstrauens
Seit 2016 lenkt Infantino die Geschicke des Fußball-Weltverbands. Nach dem Rücktritt Sepp Blatters, der 2015 in einer beispiellosen Korruptionsaffäre gestürzt wurde, versprach Infantino einen Neuanfang. Doch dieser Neuanfang ist ausgeblieben. Stattdessen hat sich der gebürtige Schweizer niederländischer Abstammung als mächtigster Funktionär im Weltfußball etabliert – und dabei viele seiner Wahlversprechen gebrochen.
Schon bei seiner zweiten Wiederwahl im März 2023 in Kigali ließ sich Infantino ohne Gegenkandidaten von 187 Mitgliedsverbänden bestätigen. Eine Wahl, die von vielen Kritikern als Muster ohne echten Wahlkampf bezeichnet wurde. Dabei geht es nicht allein um die Person Infantino, sondern um ein System, das ihm nahezu unumschränkte Macht zugesteht.
Die Fehler der Vergangenheit
Das erinnert an die späten Jahre der Ära Sepp Blatter. Auch damals hielt der Verband an einem Präsidenten fest, der zunehmend als Symbol für Misswirtschaft stand. Das mündete schließlich in den FIFA-Skandal von 2015, als Dutzende Funktionäre in Zürich verhaftet wurden und der Verband vor dem Abgrund stand. Genau diese Fehler dürfen sich nicht wiederholen, warnen viele Beobachter.
Ein zentraler Vorwurf in der aktuellen Debatte: Die Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar war von massiven Menschenrechtsbedenken überschattet. Unter Infantino erlebte die FIFA dennoch keine grundlegende Reform der Vergabepraxis. Stattdessen wurde der WM-Zyklus für 2030 durch die Verteilung auf drei Kontinente weiter intransparent gestaltet. Hinzu kommt: Die Aufstockung der WM auf 48 Teams und 104 Spiele – ein Projekt, das Infantino persönlich vorantreibt – gilt vielen als reine Machtdemonstration.
Die Person Infantino
Dazu kommt die persönliche Inszenierung des Präsidenten. Infantino ist bekannt dafür, auf PR-Bühnen das Gespräch mit Autokraten zu suchen. Er pflegt enge Kontakte zu Herrschern in Saudi-Arabien, Katar und Russland – Kritiker sprechen von einer unheilvollen Allianz. Die Frage der Menschenrechte in WM-Ausrichterländern wird dabei gerne ausgeklammert. Genau diese Haltung hat die Glaubwürdigkeit der FIFA weiter beschädigt.
Selbst bei finanziellen Fragen bleibt der Verbandschef angreifbar: Laut öffentlichen Berichten verdient Infantino ein Vielfaches seiner Vorgänger, fliegt privat und häufte Millionen in Rücklagen an. Transparency International und andere Organisationen fordern seit Jahren mehr Transparenz bei den Empfängern der WM-Gelder. Doch statt Aufklärung gibt es Ausreden – und ein Präsident, der kritische Journalisten als „Verschwörungstheoretiker“ abtut.
Was jetzt zu tun ist
Die FIFA steht an einem Scheideweg. Eine erneute Kandidatur Infantinos für das Jahr 2027 wäre ein fatales Signal. Es wäre das Signal, dass der Verband weiterhin in den Strukturen der Vergangenheit gefangen bleibt. Stattdessen braucht es eine unabhängige Kommission, die Führungspersönlichkeiten vorschlägt, welche die Grundsätze von Fairplay, Transparenz und Menschenrechten ernst nehmen.
Ein sofortiger Rücktritt Infantinos ist daher die einzig konsequente Reaktion auf die anhaltenden Skandale. Andernfalls droht dem Weltfußball nicht nur ein weiterer Vertrauensverlust, sondern auch eine tiefe Spaltung, die bereits jetzt zwischen wirtschaftlich starken Vereinen und Verbänden schwelt. Die Vergangenheit hat gezeigt, wie schnell aus einem einzelnen Machthaber ein ganzes System des Misstrauens wird – die FIFA muss daraus diesmal lernen.



