Es war ein beispielloser Aufstand, der Gianni Infantino zur Aufgabe zwang: Mehrere Kontinentalverbände legten sich binnen weniger Stunden quer, bis der FIFA-Präsident seinen umstrittenen Plan zum Verkauf von WM-Anteilen an private Investoren in der Nacht zurückzog. In der Geschichte des Fußballs hatten sich noch nie zuvor so viele Konföderationen so geschlossen gegen die FIFA-Führung gestellt. Die Kritik aus Sport, Gesellschaft und Politik war gewaltig – und sie war es, die den Milliardenplan kippen ließ.
Infantino selbst versuchte, die Sache als Lernprozess darzustellen. „Unser Ziel war und ist es stets, zu vereinen und Verbesserungen zu bewirken. Nach sorgfältiger Abwägung aller Standpunkte ist deutlich geworden, dass das Projekt zu einer Spaltung geführt hat, die – ungeachtet des Ausmaßes der Unterstützung – nicht mehr im Sinne des ursprünglich verfolgten Ziels ist“, ließ er mitteilen. Doch damit dürfte die Sache nicht erledigt sein. Zahlreiche Verbände werden ihm nicht verzeihen, wie er sie mit einer knappen Deadline überrumpelt und mit Millionenzahlungen gelockt hatte.
Die FIFA Forward Enterprise sollte kassieren
Hintergrund des Eklats war eine Ankündigung vom Dienstag: Die FIFA wollte eine Tochtergesellschaft namens FIFA Forward Enterprise (FFE) aus der Taufe heben, die sämtliche kommerziellen Aktivitäten und die Organisation von Turnieren bündeln sollte. Über diese Firma hätten private Investoren Anteile an künftigen FIFA-Events erwerben können – ausgerechnet an der Männer-WM, dem „Filetstück der Fußballvermarktung und sportlichen Weltkulturerbe“, wie es in der Kritik hieß. Der Deutsche Fußball-Bund nannte das Vorhaben einen „schäbigen Deal“.
Die Konstruktion hätte kleine Landesverbände mit vielen Millionen zusätzlicher Einnahmen bestechen können. Im Gegenzug hätte Infantino seine Macht weiter ausgebaut – durch den Zusammenhalt der versorgten Verbände und womöglich durch einen leitenden Posten in der FFE. Nach den FIFA-Statuten wäre seine Amtszeit spätestens 2031 beendet. Als Chef der FFE hätte er weiter als eine Art Schattenpräsident im Zentrum der Macht bleiben können. Mit dem Rückzug hat er sich diese Hintertür nun zugeschlagen.
„Ungeheuerliche Handlung“: CONCACAF und UEFA schlagen zurück
Die CONCACAF, der Verband Nord- und Mittelamerikas, hatte die Fußball-WM 2026 gerade in Kanada, den USA und Mexiko ausgerichtet – mit großem wirtschaftlichen Erfolg. Wenige Tage nach dem Finale reagierte der Verband mit ungewöhnlicher Schärfe. „Die Ereignisse der letzten Tage haben etwas offenbart, das nun nicht mehr außer Acht gelassen werden kann: Die Zukunft der FIFA-Weltmeisterschaft, des größten Vermögenswerts im Weltfußball, wurde außerhalb aller etablierten Führungsstrukturen vorangetrieben – ohne Transparenz, ohne Konsultation und ohne ordnungsgemäßes Verfahren“, schrieb die CONCACAF in einem Statement. Weiter hieß es: „Ein Vorschlag dieser Größenordnung gelangt nicht zufällig in diese Phase. Er ist ein Symptom einer Führung, die den Fußball nicht mehr an erste Stelle setzt. Diese jüngste einseitige und ungeheuerliche Handlung mangelhafter Führung und Governance reiht sich in eine Reihe von Fehltritten und ähnlichem Verhalten ein. Nun muss eine umfassende Überprüfung dieser Führung stattfinden.“
Auch die UEFA, die als erste Konföderation offen Widerstand formiert und mit dem Boykott aller künftigen FIFA-Turniere gedroht hatte, will die Angelegenheit nicht auf sich beruhen lassen. „Dies ist ein Sieg für den gesamten Fußball“, erklärte der europäische Verband. „Doch damit darf die Geschichte noch nicht zu Ende sein.“ Weiter heißt es in der UEFA-Mitteilung: „Wir können so nicht weitermachen – mit geheimen Plänen, die im Eiltempo von anonymen Personen ausgeheckt werden und deren Nutzen für den Sport zweifelhaft ist. Wir müssen die Verantwortlichen identifizieren und zur Rechenschaft ziehen.“
Infantinos Herrschaft wackelt
Der Aufstand trifft Infantino in einer Phase, in der er sich bereits als unverwundbar wähnte. 2027 will sich der Schweizer in seine vierte Amtszeit als FIFA-Präsident wählen lassen. Rund 200 Verbände hatten ihm vor dem Debakel bereits ihre Loyalität zugesichert; die Wiederwahl galt als Formsache. Nun aber scheint seine Herrschaft sturmreif geschossen. Beobachter halten es für wahrscheinlich, dass erstmals ein ernsthafter Gegenkandidat aufgebaut wird – für einen Mann, der 2023 noch per Akklamation bestätigt worden war.
Die Forderung nach einer umfassenden Überprüfung der FIFA-Führung ist der deutlichste Riss in der Fassade des mächtigsten Fußball-Funktionärs der Welt. Ob Infantino dauerhaft Schaden nimmt, hängt davon ab, ob die empörten Verbände ihrer Kritik Taten folgen lassen. Fest steht: Der Vorgang hat eine tiefe Spaltung offengelegt. Infantinos Versuch, den Fußball ökonomisch neu aufzustellen, endete mit einer Niederlage – und könnte den größten Machtverlust seiner Karriere einleiten.



