Tick, tick, tick – die Uhr für Gianni Infantino läuft ab. Der Schweizer war 2016 als Nachfolger von Sepp Blatter gewählt worden, davor arbeitete er als Uefa-Generalsekretär. Nachdem die Fifa am Samstag offiziell den Teilverkauf der WM an eine Investorengruppe zurückgezogen hat, zu der auch Joshua Kushner, der Bruder von Donald Trumps Schwiegersohn, gehört, richtet sich der Fokus nun auf den Fifa-Präsidenten selbst. Die Uefa hat ihm in einer offiziellen Erklärung das Vertrauen entzogen und kündigt an: „Wir müssen die Verantwortlichen benennen und zur Rechenschaft ziehen.“
Doch wie soll der Sturz des mächtigen Schweizers gelingen? Die gut informierte „Sunday Times“ beschreibt einen möglichen Ablauf. Demnach soll Infantino bei einer Sondersitzung des Fifa-Councils Stellung beziehen. Das Gremium ist die Regierung des Weltverbandes und das wichtigste Entscheidungsorgan zwischen den Fifa-Kongressen. Es besteht aus 37 Mitgliedern. Um eine Krisensitzung einzuberufen, müssten mindestens 19 Teilnehmer dafürstimmen, berichtet die BBC. Das Treffen müsste innerhalb von zwei Wochen stattfinden. Eine Rücktrittsaufforderung könnte Infantino allerdings auch schlicht ablehnen.
Falls der Schweizer erwartungsgemäß nicht sofort gehen will, wollen die Gegner einen Gegenkandidaten aufbauen. Dafür müssen sich Infantino-Gegner aus Europa, Asien und Mittel-/Nordamerika auf einen gemeinsamen Herausforderer einigen.
Diese vier Namen werden als Infantino-Herausforderer gehandelt
Nasser Al-Khelaifi: Zunächst galt der katarische Besitzer von Paris Saint-Germain als Favorit. Doch der 52-Jährige ließ bereits mitteilen, kein Interesse am Posten des Fifa-Chefs zu haben. So bleibt er vorerst Mitglied im Uefa-Exekutivkomitee und Vertrauter von Uefa-Präsident Aleksander Ceferin.
Aleksander Ceferin: Der slowenische Rechtsanwalt und Uefa-Präsident selbst wäre ein logischer Herausforderer. Allerdings hat er bereits eine erneute Kandidatur für den europäischen Dachverband im Jahr 2027 ausgeschlossen. Nach einer gewissen Zeit brauche jede Organisation „frisches Blut“, sagte er. Diese Erkenntnis ist jedoch mehr als zwei Jahre alt. Ob sie auch für ihn und die Fifa gilt, ist eine andere Frage.
Scheich Salman bin Ibrahim Al Chalifa: Der asiatische Verbands-Boss aus Bahrain (60) hat schon einmal gegen Infantino kandidiert. 2016 unterlag er bei der Fifa-Präsidentenwahl knapp. Damals war der Funktionär mit Vorwürfen der Korruption und der Verletzung von Menschenrechten konfrontiert.
Victor Montagliani: Auch der 60-jährige Kanadier, Präsident des für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständigen Kontinentalverbands Concacaf, werden laut Medienberichten entsprechende Ambitionen nachgesagt.
Ein weiterer Name: Mattias Grafström
Neben den vier genannten Kandidaten taucht noch ein fünfter Name auf: Mattias Grafström. Der gebürtige Schweizer wurde nach einer Interimszeit im Jahr 2024 offiziell Fifa-Generalsekretär und folgte damit auf die Senegalesin Fatma Samoura. Eigentlich gilt Grafström als enger Vertrauter von Gianni Infantino. Medienberichten zufolge soll er allerdings die Chance auf den höchsten Posten im Weltfußball sehen.
Alternative Wege, Infantino zu stürzen
Die Kandidatenkür ist ein Weg, Infantino loszuwerden. Es gibt jedoch noch ein anderes Szenario: 43 der 211 Fifa-Mitglieder können einen außerordentlichen Kongress beantragen. Bekommen sie dort die Mehrheit für ein Misstrauensvotum, wäre Infantino bereits vor der regulären Wahl im März 2027 abgesetzt.
Bis zum 18. November können Kandidaten ihre Bewerbungen für die Wahl zum Fifa-Präsidenten einreichen. Einen offiziellen Gegenkandidaten gibt es bislang allerdings nicht.
Auch Sponsoren und Banken reagieren
Unterdessen sind offenbar auch die Hauptsponsoren der Fifa alarmiert. Die Flut negativer Reaktionen auf Infantinos Verkaufsverhandlungen hat laut Medienberichten dazu geführt, dass die beteiligte Bank JP Morgan aus dem Projekt ausgestiegen ist.
Laut „Sunday Times“ hatte Infantino vor, nach seiner dritten Amtszeit als Fifa-Präsident (Ende 2031) selbst die neue WM-Firma zu übernehmen – mit einem Jahresgehalt von 30 Millionen Dollar, umgerechnet rund 26 Millionen Euro, und das noch ohne Bonizahlungen. Die Fifa bestreitet diese Darstellung allerdings.
Infantino kämpft um sein Amt
Was passiert jetzt? Infantino kämpft. Seine Vertrauten sprechen mit Vertretern der Länder, von denen sie sich Unterstützung erhoffen – vor allem aus Afrika und Südamerika. Viele Beobachter sind überzeugt: Hält die Koalition aus Europa, Asien und Mittel-/Nordamerika zusammen, hat Infantino keine Chance mehr. Tick, tick, tick.



