Gelsenkirchen – Matthias Tillmann (42) hat auf Schalke noch Vertrag bis 2027. In der vergangenen Saison gab es viele Jubel-Gründe: Aufstieg in die Bundesliga, dazu Sponsoren-Deals, die Tillmann verantwortet. In BILD spricht der Schalke-Boss jetzt exklusiv über den Pott-Klub, Trainer Miron Muslic (43) und das Revier-Derby. Klar ist: Muslic bleibt, die Meisterprämie ist für Tillmann nebensächlich, und die Eigenkapital-Regel wird zur Kraftanstrengung.
Tillmann über Düsseldorf und Gelsenkirchen
Auf die scherzhafte Frage, warum er immer noch in der „Proleten-Stadt“ Düsseldorf lebe, antwortet Tillmann schmunzelnd: „Düsseldorf eine Proleten-Stadt? Versnobt habe ich schon öfter über Düsseldorf gehört, aber nicht Proleten-Stadt. Ich komme übrigens gebürtig daher, wir fühlen uns sehr wohl. Und glauben Sie mir: Düsseldorf kann auch ganz anders. Allerdings ist der Fußball in Gelsenkirchen tatsächlich besser.“
Eigenkapital-Regel: 10 Millionen Euro bis 2027
Die Bundesliga verlangt von Schalke die Erfüllung der Eigenkapital-Regel. Tillmann erklärt: „Für dieses Jahr sind wir zuversichtlich, es bleibt gleichwohl eine große Kraftanstrengung. 2027 wird das schwierigere Jahr, weil wir dann rund 10 Mio. Euro erwirtschaften müssen, um die Auflagen zu erfüllen. Das können wir aus dem Tagesgeschäft nicht stemmen. Wir müssen das über Sondereffekte wie gute Spielerverkäufe und auch die Genossenschaft lösen. Dann gibt es noch sogenannte unplanbare Sondereffekte. Das wäre zum Beispiel, im Pokal weit zu kommen oder völlig überraschend die Qualifikation fürs internationale Geschäft zu schaffen – das kann man aber natürlich nicht planen.“
Transferbudget und Verkaufsdruck
Für Neuzugänge gab Schalke bisher rund 2,5 Millionen Euro aus. Tillmann betont: „Das hängt davon ab, wie viel Geld durch Verkäufe reinkommt. Klar ist: Wir wollen und müssen in diesem Jahr einen Transferüberschuss erwirtschaften. Die Frage ist nun: Wie viel Risiko gehen wir? Wenn wir erst nur kaufen, erhöht das enorm den Druck, danach Spieler verkaufen zu müssen. Wir sind bereits deutlich in Vorleistung mit den Ausgaben gegangen und müssen zusehen, jetzt die Balance zu halten.“
Auf die Frage, ob er diesen Druck an Sport-Boss Frank Baumann weitergibt, antwortet Tillmann: „Das muss ich nicht. Wir sitzen regelmäßig zusammen und besprechen dann selbstverständlich auch solche Themen. Wir sind dazu immer im Austausch.“
Genossenschaft: Enttäuschung und Alternativen
Die Genossenschaft von Schalke hat bisher nur rund 10 Millionen Euro eingebracht – deutlich weniger als erhofft. Tillmann gibt zu: „Ich hatte tatsächlich auf einen Aufstiegs-Hype gehofft. Da dieser Effekt nicht eingetreten ist, sind wir jetzt seit ein paar Wochen auf Werbetour, sprechen persönlich mit Fans, Mitgliedern und auch Unternehmen, um sie von der Genossenschaft zu überzeugen. Wir glauben an die Fördergenossenschaft, aber sollte es nicht klappen, müssen wir auch über andere Wege nachdenken …“
Eine Ausgliederung der Profi-Abteilung schließt Tillmann jedoch aus: „Viele Vereine haben sich in den vergangenen Jahren nach Covid mit Ausgliederungen oder durch Kapitalerhöhung frisches Geld besorgt, wir wollen das Thema nicht aufmachen – allein der Zeitpunkt ergibt keinen Sinn. Wir glauben an die Stärke unserer Unabhängigkeit und wollen selbstbestimmt agieren.“
Muslic: Kontinuität und Vertrauen
Wird Aufstiegs-Coach Miron Muslic auch am Saisonende Schalke-Trainer sein? Tillmann sagt: „Ich gehe stark davon aus. Diese Kontinuität tut uns extrem gut. Wir haben im vergangenen Jahr sehr sorgfältig einen Trainer ausgesucht, der zu unserer entwickelten Spielidee passt. Miron Muslic hat in seinem ersten Jahr auf Schalke viel angestoßen und die Menschen mit seiner Art und seinem Auftreten überzeugt. Insofern haben wir eine gute Trainer-Entscheidung getroffen. Wenn wir zwei, drei oder vier Jahre mit ihm zusammenarbeiten können, machen wir auf jeden Fall noch weitere Schritte nach vorn und entwickeln uns.“
Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Karel Geraerts, den Tillmann nach dem sechsten Spieltag entließ, genießt Muslic volles Vertrauen. Tillmann erklärt den Unterschied: „Es gibt einen riesigen Unterschied: Heute wissen wir genau, was wir wollen. Wir sind überzeugt von dem Weg mit Miron – diese Überzeugung hatten wir damals nicht. Es wird sicher Phasen geben, in denen wir mal einige Spiele am Stück nicht gewinnen werden, dann kommt außerhalb des Vereins wahrscheinlich Unruhe auf. Ich bin mir aber sicher: Dieses Mal wechseln wir nicht aus Aktionismus den Trainer. Es passt mit Miron einfach – auch in möglichen schwierigen Phasen.“
Träumt Tillmann von einer Muslic-Ära? „Wenn es nach mir geht, reden wir in den nächsten Jahren nicht über einen Trainerwechsel. Der Trainer ist die wichtigste Person, darf aber nicht die mächtigste sein. Entsprechend wären wir definitiv vorbereitet, sollte dieser Tag X irgendwann einmal kommen – das ist unsere Pflicht! Unsere Spielidee würden wir aber trotzdem behalten.“
Meisterprämie: Kein Thema für die kommende Saison
Auf die Frage nach einer vereinbarten Meisterprämie für Muslic antwortet Tillmann schmunzelnd: „Kaiserslautern ist ja mal als Aufsteiger Meister geworden. Doch der Fußball hat sich verändert. Dass wir Meister werden, ist ausgeschlossen – also in der kommenden Saison (schmunzelt). Deshalb ist das mit der Meisterprämie jetzt egal. Schauen wir mal, auf welchem Platz wir am Saisonende landen, und dann reden wir nächstes Jahr noch mal über dieses Thema (lacht).“
Nationalspieler: Gosens und Karius im Fokus
Suat Serdar war 2020 Schalkes letzter deutscher Nationalspieler – das ist sechs Jahre her. Tillmann sieht jedoch Potenzial: „Robin Gosens hat bei der vergangenen EM gespielt, er war auch jetzt nah dran, mit zur Weltmeisterschaft zu fahren. Loris Karius traue ich den Sprung auch zu, er ist bärenstark. Wir haben in den letzten Jahren allerdings auch in der zweiten Liga gespielt, was Nominierungen selbstverständlich unwahrscheinlicher gemacht hat.“
Der Transfer von Robin Gosens hatte für Tillmann „absolute Signalwirkung“: „Robin hat auf allerhöchstem Niveau gespielt, kommt aber komplett ohne Starallüren und passt perfekt zu uns. Alle hatten sofort Respekt vor ihm im Team.“
Ruhige Zeiten und Vertragsgespräche
Trotz der Erfolge ist es aktuell ruhig auf Schalke. Tillmann erklärt: „Natürlich gibt es immer Themen, komplett ruhig ist es nie. Aber man merkt total, dass wir in den letzten Monaten in allen Bereichen gute und wichtige Schritte nach vorn gemacht haben. Es gibt aktuell kein großes Theater – wenn es nach mir geht, bleibt das in den nächsten zwei, drei Jahren auch so, denn das hilft uns enorm.“
Zu seiner eigenen Vertragsverlängerung, die am Saisonende ausläuft, sagt Tillmann: „Für mich ist es sehr wichtig, den Weg, den wir vor fast drei Jahren begonnen haben, weiterzugehen. Wir haben viel geschafft, aber wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen – wo Schalke hingehört. Ich bin voller Energie, möchte weiter ein Teil dieses Teams sein. Wir werden zu dem Thema sicherlich Gespräche führen. Jetzt steht allerdings auch für meine Familie und mich erst einmal Urlaub an. Ich sehe das entspannt.“
Derby gegen den BVB: Chancenlos? Nein!
Wie lange dauert es, bis Schalke wieder auf Augenhöhe mit dem BVB ist? Tillmann: „Dortmund ist aktuell unglaublich weit weg. Den Vorsprung können wir nur mit kleinen Schritten aufholen. Wir wollen uns nachhaltig in der Bundesliga etablieren, das ist wichtig für den Verein und schließt dann nach und nach die Lücke.“
Für das anstehende Derby gibt sich Tillmann kämpferisch: „Nein! Dortmund ist Favorit. Aber sie werden nicht den Fehler machen, uns zu unterschätzen. In einem oder zwei Spielen kann immer alles passieren, vor allem im Derby. Da werden wir alles raushauen!“



