Vor dem Turnier galt die spanische Defensive als größte Schwachstelle, doch nun ist sie das Prunkstück der Mannschaft. Mit nur einem Gegentor in vier K.o.-Spielen steht Spanien im Finale der Weltmeisterschaft gegen Argentinien. Der EM-Titel 2022 in Deutschland war der Auftakt – nun soll der zweite WM-Titel der Geschichte folgen.
Vom Fluch zum Favoriten
In den vergangenen Jahren hatten Europameister bei der folgenden WM oft das Nachsehen. Dänemark, Griechenland und Italien verpassten die Qualifikation, Portugal schied 2018 im Achtelfinale aus, Frankreich 2002 und Spanien 2014 sogar in der Gruppenphase. Doch die Iberer durchbrechen diesen Trend: Nach dem EM-Triumph 2008 wurden sie 2010 Weltmeister, und nun stehen sie erneut im Finale. Am Sonntag (21 Uhr, ZDF und Magenta TV) treffen sie in East Rutherford auf Argentinien.
Dabei sah es vor dem Turnier nicht nach einer erfolgreichen WM aus. In der Nations League kassierte Spanien elf Gegentore in vier K.o.-Spielen – die Defensive galt als Achillesferse. Doch während der WM in Nordamerika drehte sich das Bild. Nach einem mauen 0:0 gegen Kap Verde im ersten Gruppenspiel kamen Zweifel an der Offensive auf, doch die Abwehr um Pau Cubarsí und Aymeric Laporte ließ nur einen Treffer zu.
Rodri als Stabilisator
Ein entscheidender Faktor für die Defensivstärke ist Mittelfeldstar Rodri. Nach überstandenem Kreuzbandriss kehrte er zurück und stabilisierte das Team. Gemeinsam mit Fabián Ruiz und Dani Olmo dominierte er das Zentrum gegen Frankreich und ließ keine Zweifel an der spanischen Überlegenheit. „Wir umarmten uns und sagten zueinander: ‚Wer hätte 2015 gedacht, dass wir uns elf Jahre später nach all den Erfahrungen, die wir gemacht haben, im Finale der Weltmeisterschaft wiederfinden würden?‘“, sagte Trainer Luis de la Fuente auf einer Pressekonferenz. Der heute 65-Jährige hatte 2015 mit der U-19 den EM-Titel gewonnen – mit Spielern wie Rodri, Unai Simón und Mikel Merino, die nun das Rückgrat der A-Nationalmannschaft bilden.
De la Fuente hat den Mix aus Tiki-Taka und Catenaccio weiterentwickelt. Die Spanier kontrollieren nicht nur durch Ballbesitz, sondern spielen schnell und präzise nach vorne. Das Gegenpressing nach Ballverlusten ist herausragend, wie die Franzosen erfahren mussten.
Kollektiv statt Star
Anders als Argentinien mit Lionel Messi setzt Spanien auf das Kollektiv. Jeder Spieler ordnet sich dem Ziel unter. Selbst die Geschichte von Messi, der 2007 den wenige Monate alten Lamine Yamal badete, wird zur Randnotiz. „Es ist verrückt. Damals habe ich ein Foto mit ihm gemacht, als er noch ein Baby war, und jetzt treffen wir in einem WM-Finale aufeinander“, sagte Messi. Nun könnte ihm ausgerechnet Yamal den letzten großen Triumph verwehren – nicht als Star, sondern als Teil einer eingeschworenen Einheit.



