„Odyssee“-Fan: Nolan-Film lässt mich in Kindheit reisen
Neuer Nolan-Film: Odyssee-Fan erzählt ihre Geschichte

Berlin – Wie schafft es eine Geschichte, Jahrtausende zu überdauern und Menschen zu bewegen? Für BILD-Reporterin Johanna Kröppel beginnt die Antwort im Buchladen und führt bis ins Kino. Dort läuft Christopher Nolans (55) „Die Odyssee“ mit Matt Damon (55) als Odysseus. Kröppel bekommt Gänsehaut, weil sie weiß, wie alt die Erzählung ist. Für sie ist es zugleich eine Reise durch ihr Leben.

Kindheitserinnerungen an Homer und Heinrich Schliemann

Kröppel war zehn oder elf Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter im Buchladen stand. Ihr Wunsch: „Ich will die ‚Ilias‘ und die ‚Odyssee‘ lesen!“ Die Händlerin machte große Augen. Wenig später bekam sie die doppelbändige Ausgabe geschenkt. Ihre Familie verwunderte das nicht mehr. Als Kind liebte sie Bücher über alles, was mit der Vergangenheit zu tun hatte.

Irgendwann strandete sie im antiken Griechenland. Dort führt kaum ein Weg an Homer vorbei. Ob der Dichter um 700 vor Christus tatsächlich gelebt hat, ist nicht sicher. Ihm werden aber zwei der berühmtesten Werke der Literatur zugeschrieben: die „Ilias“ und die „Odyssee“. Die „Ilias“ erzählt vom Trojanischen Krieg, dem zehnjährigen Kampf um die Stadt Troja. Die „Odyssee“ schildert, wie der griechische Held und König Odysseus nach dem Krieg für zehn weitere Jahre versucht, nach Hause auf die Insel Ithaka zurückzukehren. Im 19. Jahrhundert war der deutsche Kaufmann Heinrich Schliemann überzeugt, dass es mehr als eine bloße Sage war. An der Westküste der Türkei stieß er auf Siedlungsüberreste. Heute geht man davon aus, dass sich dort wahrscheinlich das historische Vorbild für Troja befand.

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Die zeitlose Aktualität der Odyssee

Ob Kröppel die anspruchsvolle „Ilias“ und die „Odyssee“ verstanden habe, weiß sie nicht. Beeindruckt haben sie sie trotzdem. Helden, Magie, Götter und Fabelwesen treffen auf Gefühle, Ideale und Konflikte, die wohl so alt sind wie die Menschheit: Liebe, Zorn, Loyalität, Schuld und mehr. Unter der Staubschicht von Jahrtausenden blitzen Fragen hervor, die bis heute aktuell wirken.

Odysseus gilt als Erfinder des Trojanischen Pferdes – der riesigen Holzkonstruktion, mit deren Hilfe die Griechen Troja eroberten. Der Trick entschied den Krieg, verursachte aber viel Leid. Wenn Matt Damon in Nolans Film als Odysseus mit den Folgen seiner Entscheidungen ringt, erzählt der Regisseur nicht nur ein antikes Abenteuer. Er stellt die zeitlose Frage: Wie lebt ein Mensch mit den Folgen seines Handelns?

Altgriechisch-Studium und eine persönliche Irrfahrt

Als Kröppel sich im Studium umorientierte, erfüllte sie sich einen Traum: Altgriechisch im Nebenfach. Sie wollte die „Ilias“ und die „Odyssee“ im Original lesen können. Zuerst musste sie ein neues Alphabet lernen. Dazu kamen Grammatik und Vokabeln einer Sprache, die seit Jahrhunderten niemand nutzt. Schnell merkte sie: Auf diese Reise ist sie nicht genug vorbereitet. Leider wurde ihr Abstecher in die Altphilologie zu einer persönlichen Irrfahrt. Sie änderte den Kurs. Die Begeisterung für die Werke und die Sprache ging nicht über Bord.

Mit Odysseus sollte sie trotzdem noch mal Bekanntschaft machen – auf vier Pfoten. 2012 verschlug es einen jungen Kater in den Garten ihrer Familie. Niemand wusste, woher er kam. Niemand suchte ihn. Er war vorsichtig, als hätte er eine Irrfahrt hinter sich. Als er Vertrauen fasste und blieb, stand für Kröppel fest: Er heißt Odysseus. Seinem Namen machte er alle Ehre. Er herrschte wie ein König über sein Revier. Mäuse und Vögel jagte er mit Tricks. 2020 trat er seine letzte Reise an. Wenn Kröppel den Namen Odysseus hört, denkt sie nicht nur an Homers Helden, sondern auch an den listigen Kater, der ihr Zuhause zu seinem Ithaka machte.

Wie die Odyssee im Alltag präsent ist

Kröppels Interesse ist sicher speziell. Aber man begegnet Details aus Homers Geschichten häufiger. Der Trojaner auf dem Computer verdankt seinen Namen dem Trojanischen Pferd. Wer von einer Odyssee spricht, meint eine beschwerliche Angelegenheit. Und wer bezirzt wird, befindet sich in bester Gesellschaft mit Odysseus und seinen Gefährten. Ihnen passiert das bei der Begegnung mit der Zauberin Circe (im Film eindrucksvoll gespielt von Samantha Morton, 49). Die Geschichten leben weiter, selbst bei Menschen, die sie nie gelesen haben.

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Natürlich nimmt sich Christopher Nolan bei seiner Interpretation Freiheiten. Historisch korrekt ist sein Film genauso wenig wie das Epos, in dem sich Götter und mythische Kreaturen tummeln. Doch er behandelt seine Vorlage mit Respekt und macht sie für ein modernes Publikum greifbar. Für gut zweieinhalb Stunden spürt Kröppel dieselbe Faszination wie das Mädchen, das damals las: „Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes …“