Die Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wird zum Vermarktungsmonument. Fifa-Präsident Gianni Infantino inszeniert alles – und Union Berlin darf genau das nicht mitmachen. Das ist die Kernbotschaft eines Kommentars von Robin Amberg, Volontär im Sportressort.
Infantinos Logik: Größer, mehr, lauter
Gianni Infantino beherrscht sieben Sprachen, aber die der Fußballfans gehört nicht dazu. Im Weltfußball beantwortet er fast jedes Problem mit demselben Reflex: größer werden. Mehr Teams, mehr Spiele, mehr Märkte. Die WM 2026 ist der vorläufige Höhepunkt dieser Logik. Sie ist kein Turnier mehr, sie ist ein Monument der Vermarktung. Und Infantino führt Regie.
Sportlich hat dieses Turnier alles: packende Partien, mitreißende Underdog-Geschichten und womöglich den letzten großen Auftritt von Lionel Messi, einem der Besten, die das Spiel je sah. Doch was ist das wert, wenn die Freude darüber verloren geht?
Zweifelhafte Entscheidungen und politische Einmischung
Zweifelhafte Schiedsrichterentscheidungen häufen sich. Die „Hydration Breaks“, verordnete Trinkpausen, stören den Spielfluss – und sie finden in jedem Spiel statt, auch ohne Extremtemperaturen. Ein Schelm, wer dabei denkt, diese Zeit könnte für zusätzliche Werbeeinnahmen sorgen. Und dann eine politische Einmischung, die ich für undenkbar gehalten hatte: Donald Trump rief bei Infantino an, und die Sperre des US-Stürmers Folarin Balogun wurde kurz vor der Achtelfinalpartie gegen Belgien zur Bewährung ausgesetzt. Ein Anruf, eine Entscheidung, ein Präzedenzfall. Das beschädigt den Sport, der mich seit Kindheitstagen begleitet. Selten hat mich eine Niederlage so erleichtert wie das 1:4 der Amerikaner und ihr Ausscheiden.
Ein fataler Eindruck bleibt: Was Infantino und seine Fifa perfektionieren, demokratisiert das Spiel nicht – es entgrenzt es. Fußball mutiert. Es zählt nicht mehr, was auf dem Platz geschieht, sondern wie sich alles drumherum verwerten lässt. Stadien sind keine Orte mehr, an denen man dazugehört, sondern in denen man Zielgruppe ist. Man kommt nicht mehr als Fan, man kommt als Kundschaft.
Union Berlin zwischen Geschäft und eigener Identität
Ein Klub wie Union muss diese WM nicht verachten. Er muss sich ihr nicht verweigern. Er existiert schließlich nicht außerhalb des modernen Fußballs, sondern mittendrin. Auch Union ist Teil des Geschäfts. Auch in Köpenick denkt man wirtschaftlich, will Reichweite, will sichtbar bleiben. Niemand gewinnt, wenn er sich in ein Märchen flüchtet vom Fußball, den es so nicht mehr gibt. Wer heute überleben will, muss die Regeln des Spiels kennen – auch die außerhalb des Rasens.
Nur eines darf nicht passieren: Union darf Größe nicht mit Bedeutung verwechseln. Denn Union war immer dann stark, wenn der Klub nicht etwas darstellen, sondern etwas sein wollte. Das ist die eigentliche Währung dieses Vereins: Glaubwürdigkeit. Nicht Glamour. Und niemals Selbstinszenierung.
Entwicklung mit Haltung: Unions Weg
Anderswo soll alles spektakulärer werden. Infantino verwandelt den Fußball in eine Dauerwerbesendung. In Köpenick wird weiter daran erinnert, dass Vereine keine Bühnenbilder sind. Im Hochglanzfußball wirkt das fast wie eine Provokation – und ist doch nur der romantische Gegenentwurf zu einer WM-Logik, die Infantinos Handschrift trägt.
Und verstehen Sie mich nicht falsch: Das ist kein Plädoyer für eisernen Stillstand. Erst recht nicht, weil unter Trainer Mauro Lustrinelli gerade ein neuer Abschnitt beginnt. Union darf und muss sich sportlich entwickeln. Der Klub darf mutiger werden, beweglicher, moderner. Das ist nötig, vielleicht sogar überfällig. Entwicklung und Identität schließen sich nicht aus. Vielleicht bedingen sie einander sogar.
Vereine wie Union sollten aus der WM deshalb nicht den Schluss ziehen, trotzig anti-modern zu werden. Sie sollten nur nicht aufhören, dem globalen Lärm etwas entgegenzusetzen, das immer seltener wird: Maß, Nähe und Haltung. Charakter in der schillernden Welt eines Fußballs der Funktionäre.
In Köpenick besitzt der Verein alle relevanten Rechte am Klub und am Stadion – selbstbestimmt und gemeinnützig. Kein Sponsor präsentiert dort einen Eckball oder eine Spielunterbrechung. Warum? Weil es nicht zu Union passt. Das Erlebnis Fußball bleibt heil, die Identität gewahrt, der Sport pur. Kein Verein muss größer klingen, als er ist, oder glänzender wirken, als er sein kann. Union macht es vor.



