Bastian Dankert, 46-jähriger Bundesliga-Schiedsrichter aus Rostock, erlebte am vergangenen Sonntag den Höhepunkt seiner Karriere: Er wurde beim WM-Finale zwischen Spanien und Argentinien (1:0 n.V.) als Video Assistant Referee (VAR) eingesetzt. Damit ist er der erste deutsche Schiedsrichter seit Rudi Glöckner 1970, der bei einem WM-Endspiel zum Einsatz kam. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur berichtet Dankert über seine Erlebnisse und die besondere Auszeichnung.
Rückkehr aus den USA und Verarbeitung des Erfolgs
„So richtig verarbeitet habe ich das noch gar nicht. Die Taschen stehen noch im Flur“, gesteht Dankert. Seine Frau habe ihn mit einer Überraschungsparty empfangen. „Und obwohl ich sehr müde war, ist das Adrenalin dann plötzlich nochmal in die Höhe geschossen.“ Mit der Familie, vielen Freunden und Wegbegleitern feierte er seine WM-Medaille. „Wenn ich diese Medaille sehe und auf ihr steht Spanien gegen Argentinien im WM-Finale, dann denke ich langsam mal darüber nach: Was habe ich da in den letzten Tagen wirklich erreicht?“ Dankert war direkt nach dem Champions-League-Finale in Budapest in die USA geflogen und insgesamt 50 Tage dort – vom 1. Juni bis zum 21. Juli. „Das ist schon Wahnsinn. Das versuche ich in den nächsten Tagen einfach mal, zu ordnen.“
Nominierung für das WM-Finale
Die Nominierung erfolgte am Donnerstag vor dem Finale per Videokonferenz: Die Schiedsrichter in Miami und die Videoassistenten in Dallas waren zugeschaltet. Nach der Verkündung von Slavko Vincic als Hauptschiedsrichter wurden die Videoschiedsrichter bekanntgegeben. „Das ist ein wunderschönes Gefühl. Es kocht in diesem Moment alles mit einem hoch und man denkt: 'Das war doch eben gerade dein Name. Und du bist beim WM-Finale dabei!'“ Für Dankert war es die Erfüllung eines lang gehegten Ziels: „Mein erster Gedanke war: Das ist das, wofür du so lange gearbeitet hast!“ Bereits 2018 hatte er seine erste WM erlebt und war beim Spiel um Platz 3 eingesetzt worden. 2022 war er als Backup für das Finale eingeteilt. „Irgendwann möchte man dann selbst mal in dieser Position sein. Und dass das diesmal geklappt hat, ist auch so etwas wie die Entschädigung für alles, was man auf dem Weg dorthin wirklich aufopferungsvoll liegen gelassen hat.“
Alltag der Schiedsrichter bei der WM
Die Videoassistenten waren in Irving bei Dallas untergebracht, während die Feldrichter in Miami stationiert waren. „Die Vorrunde ist wahnsinnig schnell vorbeigegangen, weil es einfach so viele Spiele waren. Wir hatten also alle zwei oder spätestens drei Tage ein Spiel.“ Auch an spielfreien Tagen stand Analysearbeit an: Jeden Morgen gab es ein Meeting um 10:00 oder 10:30 Uhr, dazu Training. „Wir hatten eine sehr große Anlage mit eigenem Trainingsplatz, Tennisplätzen und einem klimatisierten Fitnessraum. Teilweise war es in Dallas 40 bis 45 Grad heiß. Aber wir haben jeden Tag viel Sport machen können.“ In der K.o.-Phase, als die Spiele weniger wurden, sorgte die Gemeinschaft für Abwechslung: Tennis, Pickleball, Tischtennis-Turniere. „Wir waren dort sehr gut aufgehoben“, so Dankert. Ein Vorteil: 80 bis 85 Prozent des Schiedsrichter-Teams kannten sich bereits von der Club-WM im Vorjahr.
Vorbereitung auf ein WM-Finale
„Auch für Schiedsrichter gibt es Spielanalysten, die uns vor und während einer Weltmeisterschaft umfangreiche Daten zur Verfügung stellen“, erklärt Dankert. Die Analyse umfasst taktische Besonderheiten, Schlüsselspieler, Spielsysteme, Verhalten bei Platzverweisen, Eckstößen oder Freistößen. „All das wird besprochen, weshalb man sich auf so ein Finale auch sehr gut vorbereitet fühlt.“ Die Herausforderung sei eher, nicht ständig an die Bedeutung des Spiels zu denken: „Das ist ein WM-Finale! Dort spielt Messi gegen Rodri. Und da gucken weltweit 200 Millionen Menschen am Fernseher zu.“ Ihr Chef habe ihnen gesagt: „Da spielt ein rotes Team gegen ein blau-weißes.“ Das mache vieles einfacher. „Du kannst deine eigene Emotionalität und Anspannung besser koordinieren. Und das hat, glaube ich, auch dazu beigetragen, dass wir das bei diesem Finale gut umgesetzt haben.“ Es habe viele „Silent Checks“ gegeben, bei denen Szenen im Hintergrund geprüft wurden, ohne das Spiel zu unterbrechen – etwa Zweikämpfe auf mögliche Tätlichkeiten oder das aberkannte Tor für Spanien. So konnten sie den Schiedsrichter unterstützen, dass er richtig lag. „Denn unter welcher Anspannung ein Schiedsrichter bei so einem Spiel steht, kann man sich als Außenstehender gar nicht vorstellen. Es geht ja um den WM-Titel und ist kein Dorfturnier.“



