Der geplatzte Verkauf von Anteilen an der Fußball-Weltmeisterschaft an eine Investorengruppe hat Gianni Infantino in die schwerste Krise seiner Amtszeit gestürzt. Weltweit mehren sich die Stimmen, die den Rücktritt des Fifa-Präsidenten fordern. Innerhalb weniger Stunden verurteilten hochrangige Funktionäre das Vorgehen des Schweizers – öffentlich und namentlich.
„Der Weltfußball braucht eine neue Führung“, sagt Javier Tebas, der Präsident der spanischen Liga. Bernd Neuendorf, Vorsitzender des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), wirft Infantino vor, „unverantwortlich im Sinne des Fußballs gehandelt“ zu haben. Auch die Europäische Fußball-Union (Uefa) ließ verlauten, die Geschichte dürfe „noch nicht zu Ende“ sein.
Auf den ersten Blick wirken die Zeichen auf Ablösung eindeutig: In einem großen börsennotierten Unternehmen oder in der Politik müsste Infantino nach einem derartigen Fehlschlag seinen Posten räumen. Doch die Verbandspolitik im Fußball, speziell innerhalb der Fifa, folgt eigenen Gesetzen. Vier Szenarien sind denkbar, wie der Verband seinen Präsidenten loswerden könnte.
Szenario eins: Der freiwillige Rücktritt
Der unkomplizierteste Weg wäre ein Rücktritt aus eigenem Antrieb. Entscheidend dürfte dabei der Druck aus der Öffentlichkeit und den Mitgliedsverbänden sein. Am nachdrücklichsten könnte jedoch das Votum von Sponsoren und Geschäftsleuten wirken. Genau diese Gruppe brachte 2015 Joseph Blatter zu Fall: Nach dem Korruptionsskandal machten die Sponsoren dem damaligen Fifa-Präsidenten unmissverständlich klar, dass es mit ihm nicht weitergehen könne. Ähnlicher Druck könnte auch Infantino dazu bewegen, die Konsequenzen zu ziehen.
Szenario zwei: Druck aus dem Fifa-Rat
Der Fifa-Rat, das höchste Entscheidungsgremium des Verbands, könnte eine Dringlichkeitssitzung einberufen. Das Gremium zählt 37 Mitglieder; für die Einberufung wäre die Mehrheit von 19 Mitgliedern erforderlich. Käme die Sitzung zustande, könnten die Ratsmitglieder Infantino zum Rücktritt auffordern. Zwei Haken trüben dieses Szenario: Zum einen ist keineswegs sicher, ob sich 19 Mitglieder für eine Sondersitzung finden – viele gelten als Gefolgsleute Infantinos. Zum anderen wäre eine solche Aufforderung rechtlich unverbindlich. Infantino könnte sie schlicht ignorieren.
Szenario drei: Misstrauensvotum auf einem Sonderkongress
Erfolgversprechender wäre ein außerordentlicher Fifa-Kongress. Dafür müssten 43 der 211 Mitgliedsverbände – also exakt ein Fünftel – einen solchen Kongress beantragen. Diese Hürde erscheint erreichbar. Auf dem Kongress selbst wäre für ein Misstrauensvotum eine einfache Mehrheit nötig: 106 der 211 Stimmen. Ob sich diese Mehrheit findet, ist jedoch fraglich. Zwar hat eine Mehrheit der Verbände die Investorenpläne abgelehnt, doch das ist nicht mit einem Votum gegen Infantino gleichzusetzen. Der Fifa-Chef hat sich über die Jahre ein beachtliches Netzwerk loyaler Verbündeter aufgebaut. Von den Kontinentalverbänden Afrikas, Südamerikas (Conmebol) und Ozeaniens war keine Kritik zu hören – sie halten ihm die Treue. Auch die arabischen Staaten, aus denen der Weltverband zuletzt erhebliche finanzielle Mittel erhielt, stehen an seiner Seite.
Szenario vier: Abwahl beim ordentlichen Kongress 2027
Als letzte Möglichkeit bleibt der reguläre Weg: der Fifa-Kongress im März 2027 in Rabat. Vor dem geplatzten Investorendeal galt Infantinos Wiederwahl ohne Gegenkandidaten als sichere Sache. Diese Gewissheit ist nun dahin. Mehrere prominente Funktionäre kommen als Herausforderer infrage: Victor Montagliani, Präsident des Kontinentalverbandes Concacaf, Uefa-Präsident Aleksander Čeferin, Scheich Salman bin Ebrahim Al Khalifa von der asiatischen Konföderation AFC sowie der einflussreiche Katarer Nasser Al-Khelaifi. Sie hätten bis zum 18. November Zeit, ihre Bewerbungen einzureichen.
Wie die Reise endet, hängt letztlich von den Machtverhältnissen innerhalb der Fifa ab. Die öffentliche Empörung allein wird Infantino kaum stürzen. Entscheidend ist, ob sich genügend Verbände hinter einem Wechsel versammeln – und ob die Sponsoren den Druck erhöhen. Die kommenden Wochen könnten richtungweisend sein.



