Marcel Kittel ist einer der erfolgreichsten deutschen Radsportler der Geschichte. 14-mal gewann der Thüringer zwischen 2013 und 2017 eine Etappe der Tour de France. Heute arbeitet der 38-Jährige als Sprinttrainer für das französische Zweitliga-Team Unibet Rose Rockets und ist TV-Experte beim niederländischen Sender NOS. Im Gespräch mit BILD erklärt er, warum Deutschland derzeit keine Sieg-Sprinter bei der Rundfahrt stellt.
Bei der diesjährigen Tour de France war Max Kanter der beste Deutsche: Er wurde einmal Zweiter und belegte in Paris Platz vier. Ein Etappensieg war nicht möglich. Kittel sieht die Gründe in der Veranlagung: „Es liegt an den schnellen Beinen, ganz klar. Es ist immer eine Frage, wie schnell bist du wirklich. Das hat auch mit Talent zu tun.“ Die deutschen Fahrer hätten heute weniger den Schwerpunkt auf dem reinen Sprint. „Jasper Philipsen und Tim Merlier haben das. Insgesamt gibt vielleicht fünf Profis, die das auf dem Niveau hinkriegen und abliefern.“
Die letzten drei Prozent fehlen
Auf den Unterschied zu seiner eigenen Generation angesprochen, nennt Kittel die entscheidenden Details. Er selbst habe immer gewusst, dass er schnelle Beine habe. „Das ist eine Entdeckungsreise, ob ich die Beine für den Profibereich habe.“ Manchmal brauche es Jahre der Entwicklungsarbeit. „Aber das Beispiel Olav Kooij zeigt, man kann auch sofort da sein, obwohl er noch sehr jung ist.“
Die deutschen Sprinter wie Pascal Ackermann, Phil Bauhaus oder Max Kanter hätten durchaus starke Phasen gehabt. Ackermann gewann Etappen beim Giro und der Vuelta, Bauhaus stand bei der Tour auf dem Podium, Kanter siegte bei Paris-Nizza. „Aber die letzten drei Prozent haben sie nicht“, so Kittel. Es habe zwar mehrere „goldene Generationen“ gegeben, aber „mit reinen Sprintern gab es nur die eine mit André und mir“. John Degenkolb sei eher ein Allrounder, Erik Zabel konnte schwere Finales überleben, hatte aber nicht den Topspeed wie Kittel oder André Greipel. „Wir waren ein paar Jahre echt dominant. Da waren zwei Etappensiege bei einer Tour schon kein erfolgreiches Jahr.“
Kein deutscher Sieg seit 2017
Der letzte deutsche Etappensieg bei der Tour stammt aus dem Jahr 2021 durch Nils Politt – damals jedoch nicht als reiner Sprinter. Den letzten Sieg eines deutschen Sprinters feierte Kittel selbst 2017. Muss man sich Sorgen machen? „Schiefgelaufen ist da nichts“, sagt Kittel. Die Etappen hätten den deutschen Fahrern in diesem Jahr nicht gelegen. „Dann ist eben Platz 2 das Maximale. Da müssen sich unsere Jungs dahinter einordnen und akzeptieren, wie es ist. Von ihnen wird auch keiner sagen, er MUSS eine Etappe gewinnen. Siege sind für sie echt schwer.“
Fragt man nach einem Talent, das in der Zukunft durchbrechen könnte, wird Kittel deutlich: „Ich sehe im Moment niemanden.“ Er verweist darauf, wie lange es dauerte, bis er und Greipel Profis wurden. „Manchmal geht's schneller als gedacht.“ Bei den Deutschen gehe es eher in die Richtung Rundfahren, also Gesamtwertung. „Siehe Florian Lipowitz. Damit muss man vorliebnehmen und mitfiebern können.“ Lipowitz hinterließ bis zu seinem Sturz einen soliden, starken Eindruck.
Pogacar begeistert Kittel
Abseits der deutschen Sprinter blickt Kittel mit Bewunderung auf Tadej Pogacar, der die Tour zum fünften Mal gewann. „Pogacar fährt den vollen Kalender, auch die Klassiker und will alles gewinnen: Er ist bärenstark, aber mit einer Leichtigkeit, die so beeindruckend ist, was die Art und Weise seiner Erfolge besonders macht.“ Auch menschlich überzeugt der Slowene. „Er ist sehr respektvoll, gratuliert jedem, ist trotz seines Status sehr nahbar, bespielt alle Multimedia-Kanäle.“ Das sei ein Unterschied zu früheren Größen wie Eddy Merckx. „Der war nicht ständig für die Öffentlichkeit präsent. Ich finde das enorm beeindruckend, wie er das managt.“



