Die FIFA hat die milliardenschweren Investorenpläne von Präsident Gianni Infantino offiziell gestoppt. Damit reagierte der Weltverband auf massiven internationalen Druck – insbesondere von der Europäischen Fußball-Union (UEFA), die dem angeschlagenen FIFA-Boss offen den Rückzug nahelegt. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatte Infantino am späten Freitagabend das Aus des umstrittenen Projekts verkündet.
Die UEFA schoss prompt scharf nach: „Die derzeitige FIFA-Führung hat nicht nur das Vertrauen der UEFA verloren, sondern auch das vieler anderer Mitglieder der Fußballfamilie“, erklärte der europäische Dachverband. Man werde nun gemeinsam mit den Mitgliedsverbänden und anderen Konföderationen analysieren, wie es zu dem „schäbigen, hinter verschlossenen Türen ausgehandelten und undurchsichtigen Deal“ kommen konnte. Der sei „das genaue Gegenteil von Transparenz“ gewesen.
Investorenplan mit 20 Milliarden Dollar
Der Plan: Infantino wollte ein neues Tochterunternehmen namens FIFA Forward Enterprise (FFE) gründen, in das die kommerziellen Rechte an allen FIFA-Wettbewerben – inklusive der Männer- und Frauen-WM sowie der Club-WM – eingebracht werden sollten. Private Investoren hätten dafür rund 20 Prozent der Anteile erwerben können. Der Gesamtwert der FFE war auf 20 Milliarden Dollar festgelegt worden. Unter den Interessenten soll sich auch der Technologieinvestor Joshua Kushner befunden haben, dessen Bruder Jared mit Ivanka Trump verheiratet ist. Kushners Investmentfirma Thrive hätte dem Vernehmen nach eine Schlüsselrolle gespielt.
Zur Umsetzung des Plans hatte Infantino den 211 Mitgliedsverbänden eine Frist bis zum 19. September gesetzt und ihnen Berichten zufolge Sonderzahlungen in Aussicht gestellt. Kritiker sahen darin den Versuch, sich die Zustimmung zu erkaufen und die eigene Wiederwahl abzusichern. Infantino selbst erklärte, er habe die Mitgliedsverbände stärken wollen. Ein Sprecher des US-Präsidenten Donald Trump stellte klar, dieser habe mit dem FIFA-Chef nicht über die Investorenpläne gesprochen.
Beobachter verglichen das Vorhaben mit einer Science-Fiction-Erzählung: Infantino hätte als Geschäftsführer der FFE quasi die Rolle des Captain Kirk aus „Star Trek“ übernommen – mit schier unendlichen finanziellen Weiten. Doch genau diese Vision ist nun geplatzt. „Unser Ziel war schon immer – und wird es auch immer sein – zu vereinen und zu verbessern. Daher wird dieser Vorschlag nicht weiterverfolgt“, erklärte Infantino kleinlaut. In den kommenden Tagen und Wochen wolle er alle Beteiligten wieder zusammenbringen, „im gemeinsamen Interesse unseres Sports“.
UEFA drohte mit WM-Boykott
Gegen die Pläne hatte sich ein breites Bündnis formiert. Die UEFA drohte sogar mit einem Boykott aller FIFA-Wettbewerbe. „Keine Nationalmannschaften aus der UEFA werden an irgendeinem FIFA-Wettbewerb teilnehmen, solange diese Vorschläge weiterbestehen“, ließ der Verband bereits im Vorfeld verlauten. Nach dem Scheitern legte die UEFA nach: „Dies ist ein Sieg für den gesamten Fußball. Doch es darf nicht das Ende der Geschichte sein. Der Vorschlag ist vom Tisch. Die Aufgabe, das Vertrauen in die FIFA wiederherzustellen, hat jedoch gerade erst begonnen.“
Auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) meldete sich zu Wort. DFB-Präsident Bernd Neuendorf forderte eine lückenlose Aufklärung der „Vorgänge rund um dieses von Gianni Infantino initiierte Projekt“. Der FIFA-Präsident habe „eigenmächtig, intransparent und letztlich auch unverantwortlich im Sinne des Fußballs“ gehandelt. Man müsse dafür sorgen, dass bei der FIFA eine „grundsätzlich andere Kultur“ einziehe.
Unterstützung erhält Neuendorf vom norwegischen Fußballverband. „Machtkämpfe hinter verschlossenen Türen“ dürften nicht den Ton angeben, schrieb der Verband. „Grundsätze guter Verbandsführung“ müssten tatsächlich gelebt werden. Auch die für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Concacaf und der asiatische Fußballverband AFC distanzierten sich von Infantinos Plänen. Die südamerikanische Conmebol hielt sich zunächst zurück und verlangte weitere Informationen von der FIFA.
Interner Widerstand und Rücktritte
Nicht nur von außen, auch im Inneren des FIFA-Hauptquartiers am Zürichberg bröckelt die Unterstützung für Infantino. Der FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour warf dem 56-Jährigen vor, die Mitarbeiter hintergangen zu haben. Ein hochrangiger Berater, Carlos Cordeiro, trat aus Protest gegen die Pläne zurück. Die Weltpresse kommentierte das Debakel vernichtend. Die englische „Daily Mail“ sprach von einer „demütigenden Niederlage“, der Schweizer „Blick“ titelte „Infantino kuscht nach Aufstand“. Die französische „L’Equipe“ schrieb, Infantinos Position sei seit seiner Wahl 2016 nie so stark erschüttert worden.
Der Schweizer hatte in seiner Mitteilung betont, das Projekt habe zu Spaltungen geführt, die nicht mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels lägen. „Nachdem wir uns alle Standpunkte aufmerksam angehört haben, ist deutlich geworden, dass das Projekt zu Spaltungen geführt hat, die – unabhängig vom Ausmaß der Unterstützung – nicht mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels liegen“, erklärte Infantino. Eine Umsetzung wäre ohnehin nur bei einer Mehrheit der Mitgliedsverbände möglich gewesen.
Wiederwahl in Gefahr?
Für Infantino geht es nun um die eigene Zukunft. Beim 77. FIFA-Kongress im März 2025 in Rabat (Marokko) will er sich für eine weitere Amtszeit von vier Jahren bewerben. Kritiker und Konkurrenten dürften angesichts des gescheiterten Deals neuen Auftrieb bekommen. Kandidaten können ihre Bewerbungen noch bis zum 18. November einreichen. Ob Infantino die Wogen rechtzeitig glätten kann, bleibt offen. Bereits 2018 war ein ähnlicher Versuch gescheitert: Damals warb er für einen Investoren-Deal über 25 Milliarden Dollar für die Vermarktungsrechte einer neuen Club-WM und einer globalen Nations League – ohne Erfolg.
Die Forderungen nach einem Reformprozess erinnern an die Zeit nach dem Abgang von Joseph Blatter, der 2016 von Infantino beerbt wurde. Auch damals wurde eine grundlegende Erneuerung der FIFA-Kultur verlangt. Nun steht der aktuelle Präsident selbst im Zentrum der Kritik – und muss sich fragen lassen, ob er noch der richtige Mann für den höchsten Posten im Weltfußball ist.



