Pechstein wird neue Eisschnelllauf-Bundestrainerin
Pechstein wird neue Eisschnelllauf-Bundestrainerin

Frankfurt/Main – Claudia Pechstein ist neue Bundestrainerin im Eisschnelllauf. Der Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Verband (DESG) bestätigte die Berufung der 51-Jährigen am Rande einer turnusmäßigen Präsidiumssitzung. Damit übernimmt eine der erfolgreichsten deutschen Wintersportlerinnen die sportliche Leitung des Nationalteams. Pechstein tritt ihr Amt mit sofortiger Wirkung an und wird für die kommende Saison verantwortlich zeichnen.

Die Berlinerin ist mit sechs Olympiateilnahmen die erfahrenste deutsche Eisschnellläuferin. Insgesamt gewann sie fünf olympische Medaillen, darunter zweimal Gold über 5000 Meter. Zwischen ihren ersten Medaillengewinnen 1992 und ihrem letzten Einsatz 2014 liegen mehr als zwei Jahrzehnte internationaler Spitzenklasse. Kein anderer deutscher Sportler hat bei mehr Olympischen Winterspielen teilgenommen als Pechstein.

Ein schwieriges Erbe

Die deutsche Eisschnelllauf-Nationalmannschaft durchlebt seit Jahren einen Umbruch. Bei der jüngsten Weltmeisterschaft blieben Einzelmedaillen aus, und auch die Staffeln erreichten nicht das Podium. Der DESG reagierte auf diese Entwicklung mit einer Neuausrichtung des Trainerbereichs. Pechstein soll nun für frischen Wind sorgen und die Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d'Ampezzo koordinieren.

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Ihr ausgeprägtes Gespür für technische Feinheiten und ihr unbändiger Siegeswille gelten als entscheidende Argumente für ihre Berufung. Als Aktivistin machte sie sich zudem für die Rechte der Sportler stark und vertrat als Sprecherin des Eisschnelllauf-Weltverbandes ISU wiederholt die Interessen der Athleten. Diese Erfahrung dürfte ihr in der neuen Rolle zugutekommen.

Trainingsalltag mit neuer Philosophie

Pechstein will den Trainingsbetrieb modernisieren und den Athleten ein individuelleres Betreuungssystem bieten. Geplant sind engere Kooperationen mit den Stützpunkten in Inzell und Berlin sowie der verstärkte Einsatz von Datenanalysen, um die Leistungsentwicklung präziser zu steuern. In der Vorbereitung auf die Olympiasaison legt sie besonderes Augenmerk auf die Langstrecken – ihre eigene Paradedisziplin – sowie auf die Teamverfolgung, die bei Großereignissen für deutsche Athleten wieder Medaillenchancen eröffnen soll.

Die Zusammenarbeit mit den Läufern gestaltet sich zunächst auf freiwilliger Basis. Der Kader für die neue Saison soll bis zum Frühjahr nominiert werden, basierend auf Zeitläufen und den Ergebnissen der Deutschen Meisterschaften. Pechstein kündigte an, die Auswahl nach transparenten Kriterien zu treffen und intensive Einzelgespräche mit den Athleten zu führen.

Zu den Athletinnen, die in der kommenden Saison von Pechsteins Erfahrung profitieren sollen, zählen neben den Langstreckenläufern auch die Sprint-Spezialisten. Das deutsche Team hat insbesondere auf den Mittelstrecken zuletzt wieder Anschluss an internationale Spitze gefunden. Trotzdem fehlt es an regelmäßigen Podestplätzen. Pechstein will diesen Trend umkehren, indem sie die traditionell starken deutschen Qualitäten – wie Ausdauer und Teamgeist – in den Mittelpunkt stellt.

Kritische Stimmen? Eine Personalie mit Symbolkraft

Nicht jede Entscheidung im Verband ist unstrittig. Manche Beobachter fragen sich, ob Pechstein als Trainerin die nötige Distanz zum aktuellen Wettkampfgeschehen mitbringt. Doch der DESG zeigt sich zuversichtlich und verweist auf ihr großes taktisches Wissen und ihre Kommunikationsstärke. Viele Athleten schätzen die 51-Jährige als direkte und faire Ansprechpartnerin.

Interessant ist auch die zeitgeschichtliche Dimension: Pechstein wurde selbst Opfer eines der umstrittensten Dopingverfahren im deutschen Sport. Nach einer Sperre und jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen wurde sie letztlich nicht rechtskräftig überführt. Diese Erfahrung könnte ihr helfen, die schwierigen Rahmenbedingungen des aktuellen Leistungssports besser zu verstehen und jungen Athleten gerade in der Übergangsphase vom Junior zum Senior wichtige Impulse zu geben.

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Im Blick: Olympia 2026

Die Zeit bis zu den Winterspielen in Oberitalien ist knapp. Noch in dieser Saison sollen die ersten neuen Strukturen greifen. Pechstein sieht vor allem im Nachwuchsbereich ungenutztes Potenzial. Sie plant engere Kooperationen mit Nachwuchsstützpunkten und möchte die Trainingslager des Nationalteams gemeinsam mit den U23-Athleten bestreiten, um die Talentförderung zu intensivieren. In Zusammenarbeit mit den Landestrainern wird sie ein neues Nachwuchskonzept einführen. Ziel ist es, Talente früher zu sichten und sie intensiver zu fordern. Dafür sollen gemeinsame Trainingslager und Talentwettkämpfe organisiert werden.

Ob die Erfolge schnell zurückkehren werden, ist offen. Klar ist aber: Mit Claudia Pechstein bekommt der deutsche Eisschnelllauf eine Führungspersönlichkeit, die keine Kompromisse bei Leistungsbereitschaft kennt – und die ihre eigene beeindruckende Karriere als Ansporn für eine neue Generation nutzen will.