Optendrenk fordert neue Regeln für Abnehmspritze im Gesundheitswesen
Optendrenk fordert neue Regeln für Abnehmspritzen

Sonja Optendrenk, die Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), hat sich für eine grundlegende Neuausrichtung in der Behandlung von Adipositas ausgesprochen. In einem Interview mit dem SPIEGEL sagte sie, die Debatte über das Krankheitsbild sei »rückständig«. Sie forderte neue Regeln für die Verschreibung und Erstattung von Abnehmspritzen. Der G-BA ist das oberste Gremium, das darüber entscheidet, welche medizinischen Leistungen die gesetzliche Krankenversicherung für rund 74 Millionen Versicherte trägt.

Konflikte im System

Optendrenk, die als mächtigste Frau im deutschen Gesundheitswesen gilt, sprach in dem Interview auch von »Konflikten im System«. Diese zeigten sich unter anderem im Preisgefüge zwischen Herstellern, Krankenkassen und der pharmazeutischen Industrie. Besonders die neuen Medikamente zur Gewichtsreduktion, die sogenannten Abnehmspritzen, sorgen für Verteilungskämpfe. Die Wirkstoffe, die ursprünglich zur Behandlung von Diabetes entwickelt wurden, gelten als medizinischer Durchbruch. Sie helfen nicht nur beim Abnehmen, sondern können auch Folgeerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme lindern. Doch sie sind teuer – und genau hier setzt die Kritik an.

Optendrenk forderte, dass der Nutzen der Präparate klar belegt werde. Eine bloße Modeerscheinung dürfe nicht dazu führen, dass Kassenleistungen ausgeweitet werden. Dazu müssten unter anderem die Kriterien für die Verschreibung präzisiert werden. So müsse festgelegt werden, ab welchem Body-Mass-Index und bei welchen Vorerkrankungen die Kosten übernommen werden. Auch die Dauer der Behandlung und regelmäßige Kontrollen seien zu definieren.

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Rückständige Debatte über Adipositas

Aus Sicht der G-BA-Vorsitzenden wird die Diskussion über Adipositas in Deutschland nicht angemessen geführt. Zu oft werde das Krankheitsbild als persönliche Schwäche abgetan, nicht als medizinische Erkrankung. »Wir führen eine rückständige Diskussion über Adipositas«, wird sie in dem Gespräch zitiert. Dabei handle es sich um eine chronische Krankheit, die eine strukturierte Behandlung und Prävention erfordere.

Die Politik sei gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Fortschritt ermöglichen, ohne das Solidarsystem zu überlasten. Optendrenk betonte, dass der G-BA dabei eine Schlüsselrolle spiele. Die Entscheidungen des Ausschusses seien richtungsweisend für die Versorgung von Millionen Menschen. Zugleich warnte sie vor überhöhten Erwartungen: Neue Medikamente könnten eine Therapie nicht ersetzen, sondern nur ergänzen.

Preiskampf mit den USA

Ein weiteres Thema des Interviews war der Preiskampf mit den USA. Dort werden die Abnehmspritzen zu deutlich höheren Preisen verkauft als in Deutschland. Gleichzeitig üben amerikanische Hersteller Druck aus, um auch auf dem deutschen Markt höhere Preise durchzusetzen. Optendrenk warnte davor, sich auf diese Forderungen einzulassen. Das deutsche System mit seiner gemeinsamen Selbstverwaltung habe sich bewährt und dürfe nicht zugunsten ausländischer Konzerne ausgehebelt werden.

Die USA hätten ein völlig anderes Gesundheitssystem, in dem Preise oft marktabhängig und intransparent seien. In Deutschland würden Erstattungsbeträge hingegen auf Basis von Nutzennachweisen verhandelt. Diesen Prozess gelte es zu verteidigen, so die Ausschussvorsitzende. Ein einfaches »Weiter so« werde es allerdings nicht geben. Die Hersteller müssten sich darauf einstellen, dass der Preis eines Medikaments in einem Verhältnis zum tatsächlichen Zusatznutzen stehen müsse.

Eigene Laster eingeräumt

Erstaunlich offen zeigte sich Optendrenk in dem Gespräch auch in Bezug auf ihre eigene Lebensweise. Sie räumte ein, selbst nicht frei von Lastern zu sein. Diese persönliche Note unterstreicht, dass sie sich der Komplexität des Themas bewusst ist. Wer über Adipositas und Abnehmspritzen entscheide, dürfe nicht moralisieren. Die Balance zwischen Empirie und Empathie sei entscheidend, so Optendrenk.

Die Fragen stellte SPIEGEL-Redakteur Martin U. Müller. Das Interview erscheint in der aktuellen Ausgabe 32/2026 des SPIEGEL. Die Diskussion dürfte damit weiter an Fahrt aufnehmen – nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in der Öffentlichkeit.

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