Italiens Muschelzucht in Not: Blaukrabbe soll Delikatesse werden
Muschelzucht in Not: Blaukrabbe wird zur Delikatesse

Rekordhitze und die unaufhaltsame Ausbreitung der invasiven Blaukrabbe setzen Italiens Muschelzucht massiv zu. In den Lagunen und Küstengewässern verenden Miesmuscheln und Venusmuscheln in großen Mengen, während die Blaukrabbe weite Teile der italienischen Küste erobert. Besonders betroffen ist das Delta des Po an der Adria, wo Muschelzüchter bis zu 70 Prozent ihrer Erträge verlieren. Nun soll ausgerechnet die Krabbenplage zur neuen Einnahmequelle werden: Das Konsortium der Fischerkooperativen kündigt verzehrfertige Krabbenprodukte an.

Blaukrabbe breitet sich rasant an Italiens Küsten aus

Die aktuelle Rekordhitze verschärft die Lage, doch ein Ende des Krabbenbooms ist nicht in Sicht. In der norditalienischen Adria-Region Friaul-Julisch Venetien wurden nach Angaben von Fischerverbänden in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 bereits so viele Blaukrabben gefangen wie im gesamten Jahr 2025. Die Tiere beschränken sich längst nicht mehr auf Lagunen: Sie wurden mittlerweile bis zu vier Seemeilen vor der Küste im offenen Meer gesichtet.

Das Po-Delta erweist sich als idealer Lebensraum für die Vermehrung der Krabbe. „Das Delta des Flusses Po ist der ideale Lebensraum für die Vermehrung der Blaukrabbe“, erklärt Giuseppe Castaldelli, Professor für Ökologie an der Universität Ferrara. Das Gebiet biete optimale Bedingungen für den Fortpflanzungszyklus: Während die Männchen zur Häutung flussaufwärts in Süßwasser wandern, bleiben die Weibchen an der Flussmündung und können sich dort mehrfach fortpflanzen.

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Fangmengen explodieren seit 2017

Der Wendepunkt der Invasion war nach Angaben des Wissenschaftlers das Jahr 2017. Wurden zuvor durchschnittlich weniger als 1,5 Kilogramm Blaukrabben pro Boot und Jahr gefangen, stieg die Fangmenge bis 2023 auf 9124 Kilogramm. Diese Entwicklung sei jedoch nicht allein auf den Klimawandel zurückzuführen, betont Castaldelli. Entscheidend sei die besondere Ökologie des Po-Deltas: Meeresströmungen transportieren große Mengen an Nährstoffen in das Gebiet, wodurch Phytoplankton und Muscheln besonders gut wachsen – die wichtigste Nahrungsquelle der Blaukrabbe.

Forschende der Universität Ferrara warnen jedoch, dass alleiniges Abfischen der adulten Tiere nicht ausreicht, um die Population einzudämmen. Laut Anna Gavioli, Forscherin an der Universität Ferrara, müssen natürliche Fressfeinde der Jungtiere gestärkt werden. Dazu zählen Wolfsbarsch, Dorade, Aal, Blaufisch und Grundeln. Eine gezielte Förderung der Berufs- und Freizeitfischerei könne helfen, das ökologische Gleichgewicht langfristig wiederherzustellen und die Ausbreitung der invasiven Art zu stoppen.

Muschelzüchter verlieren 70 Prozent der Erträge

Für die Muschelzüchter bleibt die Lage dramatisch. „Dank des Einsatzes der Fischer sowie Schutzgehegen und Netzen können wir die Produktion von Venusmuscheln in kleinem Umfang aufrechterhalten, aber wir verlieren rund 70 Prozent unserer Erträge“, sagt Vadis Paesanti, Vizepräsident der Fischergenossenschaft der Region Emilia-Romagna. Auch an der venezianischen Küste wächst die Zahl der gefangenen Blaukrabben unvermindert weiter.

Die Fischerkooperativen schlagen nun eine neue Richtung ein: Statt die Tiere kostenintensiv zu entsorgen, sollen sie in Italien verarbeitet und unter eigener Marke verkauft werden. Der Präsident des Fischerkonsortiums in der Polesine-Gegend, Paolo Mancin, kündigte die Einführung verzehrfertiger Produkte in drei Varianten an: Krabbenscheren, Filetfleisch sowie gemischtes Krabbenfleisch im Glas. Ziel ist es, aus der Massenvermehrung der Blaukrabbe eine neue Einnahmequelle zu entwickeln.

Delikatesse mit Potenzial

Die Blaue Krabbe gilt in Asien und den USA bereits seit Langem als Delikatesse. Das Konsortium hofft, mit verarbeiteten Produkten neue Märkte zu erschließen und die wirtschaftlichen Verluste der Muschelzüchter zumindest teilweise zu kompensieren. Damit könnte sich die Plage zu einem lukrativen Geschäftszweig wandeln – ein Silberstreif am Horizont für die angeschlagene Branche.

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Ob die Vermarktungsstrategie aufgeht, hängt auch davon ab, ob es gelingt, die Krabbenpopulation einzudämmen. Die Forscherin Anna Gavioli mahnt, dass ein integrierter Ansatz nötig sei, der Fischerei, natürliche Fressfeinde und Schutzmaßnahmen kombiniert. Nur so könne das ökologische Gleichgewicht im Po-Delta und entlang der italienischen Küsten langfristig gesichert werden.