Letterboxd: Die Social-Media-Utopie für Filmfans und ihr Einfluss auf das Kino
Letterboxd: Kino-Revival durch Film-App

Letterboxd, eine in Neuseeland gegründete Film-App, erlebt einen rasanten Aufschwung: Von 3 Millionen Nutzern Anfang 2021 stieg die Zahl auf 28 Millionen im April dieses Jahres. Mehr als die Hälfte der Nutzer ist unter 35 Jahre alt, wie das „Time Magazine“ berichtet. Die App funktioniert wie ein soziales Netzwerk, aber ohne endlosen Feed – Nutzer bewerten Filme, schreiben kurze Kritiken und teilen ihre Favoriten. Dieses Konzept hat nicht nur die Art verändert, wie junge Menschen Filme entdecken, sondern auch das Kinoerlebnis selbst wiederbelebt.

Wie Letterboxd funktioniert

Letterboxd ist eine Mischung aus Tagebuch und sozialem Netzwerk. Nutzer legen ein Profil an, bewerten Filme auf einer Fünf-Sterne-Skala und verfassen oft amüsante Kurzkritiken. Die lustigsten Beiträge erhalten Likes von anderen Nutzern und landen oben. Es gibt keine algorithmischen Vorschläge, keine Bots und keine KI – zumindest scheinbar. Die App gilt als authentisch und inhaltsgetrieben, was sie zu einer Art Social-Media-Utopie macht. Aktuell laufen Berichten zufolge Gespräche über einen Verkauf, unter anderem mit Netflix und Sony, was viele Fans beunruhigt.

Einfluss auf das Kinopublikum

Der Erfolg von Letterboxd spiegelt sich auch in den Kinos wider. In den Berliner Yorck-Kinos, die 14 Häuser in Berlin und eines in München betreiben, ist das Medianalter des Publikums von 49 Jahren im Jahr 2019 auf 37 Jahre im Jahr 2023 gesunken. „Die Gruppe der 18- bis 29-Jährigen trägt dabei am stärksten zu dem Wachstum bei“, sagt Katja Schubert, Sprecherin der Yorck-Kinogruppe. Auch der Branchenverband HDF Kino bestätigt den Trend: „Die Gen Z zählt hierzulande zu den wichtigsten Kinogruppen und weist eine überdurchschnittlich hohe Kinonutzung auf“, so ein Sprecher.

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In Nordamerika ist der Effekt noch deutlicher: Laut einer Untersuchung des US-Marktforschungsinstituts NRG ging die Gen Z im vergangenen Jahr 25 Prozent häufiger ins Kino als im Vorjahr – der größte Zuwachs aller Altersgruppen. In Deutschland ist das Bild differenzierter, doch bei bestimmten Betreibern wie den Yorck-Kinos zeigt sich eine klare Verjüngung.

Letterboxd als Gegengewicht zu klassischen sozialen Medien

Die App wird als Gegenentwurf zum Doomscrolling beschrieben. „Die App hat keine Mechanismen, die ihre User so lang wie möglich an sie binden soll – es geht wirklich darum, Filme zu entdecken und sie anzusehen“, sagt Katja Schubert. „Sie ist in gewisser Weise ein Gegengewicht zu den Social-Media-Feeds, bei denen Verweildauer das Kernkriterium ist.“ Statt endlosem Scrollen steht der Austausch über konkrete Filmerlebnisse im Mittelpunkt. Viele Nutzer berichten, dass allein die Möglichkeit, einen Film in der App als „gesehen“ zu markieren, sie motiviert, ihn überhaupt anzuschauen.

Neben Letterboxd nutzen junge Menschen auch YouTube und TikTok zur Filmentdeckung. Der 26-jährige Regisseur von „Obsession“, Curry Barker, wurde über YouTube-Videos bekannt. TikTok hat mit „FilmTok“ eine eigene Community aufgebaut. Doch das Vertrauen in diese Plattformen schwindet, da Agenturen zunehmend Kampagnen starten, um Begeisterung zu simulieren, wie das Magazin „Vulture“ recherchierte. „Mit dem Aufkommen von KI-generierten Inhalten weiten sich Manipulationsmöglichkeiten aus“, warnt Schubert. Letterboxd hingegen genießt noch den Ruf der Authentizität.

Die Macht der Bewertungen

Letterboxd-Scores sind zu einer ernstzunehmenden Währung geworden. Viele Kinogänger schauen vor dem Ticketkauf auf Letterboxd, Rotten Tomatoes oder Metacritic. Das hat finanzielle Konsequenzen: „Schlechte Kritiken sind viel schneller ein Todesstoß für einen Film als früher“, sagt Schubert. Die alte Branchenweisheit, dass sich ein mittelmäßig bewerteter Film über das erste Wochenende retten lässt, gelte nicht mehr. Schlechtes „Word of Mouth“ könne einem Film innerhalb von Stunden am Eröffnungstag Tickets kosten.

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Allerdings gibt es Ausnahmen: Der „Super Mario“-Film war trotz durchwachsener Kritiken ein riesiger Kassenerfolg. Im Mainstream-Kino spielen Letterboxd-Scores eine geringere Rolle, im Arthouse-Bereich – dem Kern der Yorck-Kinos – sind sie umso wichtiger. Die Macht einer einzelnen Plattform birgt jedoch Risiken. „Diese kann jederzeit ihre Ausrichtung ändern, und dann steht man im Regen“, betont Schubert. Die Yorck-Kinos versuchen daher, mehrere Kanäle zu bespielen.

Fazit: Kino-Revival durch digitalen Austausch

Letterboxd hat die Art, wie junge Menschen Filme entdecken und erleben, grundlegend verändert. Die App fördert den Austausch über Kinoerlebnisse und trägt so zu einem spürbaren Revival der Kinos bei – zumindest in bestimmten Segmenten. Ob der Trend anhält, hängt auch davon ab, ob Letterboxd seine Unabhängigkeit bewahren kann. Die Verkaufsgespräche mit Streaming-Riesen sorgen für Skepsis, doch aktuell bleibt die App ein Leuchtturm für authentische Filmentdeckung.