Batavia-Wrack: Steine aus Deutschland verraten Handelsgeheimnis
Batavia: Steine aus Deutschland verraten Geheimnis

Die niederländische „Batavia“ zählt bis heute zu den berüchtigtsten Schiffen der Seefahrtsgeschichte. Ihr Untergang am 4. Juni 1629 vor den Houtman-Abrolhos-Inseln an der Westküste Australiens war nur der Auftakt zu einer Kette von Gewalttaten, die als eines der finstersten Kapitel der maritimen Historie gilt. Nun bringen neue Analysen der Ladung eine überraschende Wendung ins Spiel: Die Sandsteinblöcke im Bauch des Wracks stammen nicht – wie lange vermutet – aus einer einzigen Region, sondern aus Steinbrüchen im heutigen Deutschland.

Forscher der Curtin University in Perth haben ihre Ergebnisse im Fachjournal „Journal of Archaeological Science: Reports“ veröffentlicht. Sie untersuchten die mineralische Zusammensetzung der Steine, die die „Batavia“ auf ihrer letzten Reise geladen hatte. Dabei zeigt sich: An Bord befanden sich vorgefertigte Sandsteinblöcke, Tausende Ziegel und weiteres Baumaterial – offenbar für den geplanten Sitz der Niederländischen Ostindien-Kompanie (VOC) in Jakarta.

Die Katastrophe von 1629

Die „Batavia“ war mit rund 322 Menschen an Bord unterwegs, als sie am 4. Juni 1629 an den Klippen der Houtman-Abrolhos-Inseln zerschellte. Die meisten Überlebenden schafften es zunächst auf nahe gelegene Inseln. Kapitän François Pelsaert brach mit einigen Begleitern in einem offenen Boot nach Jakarta auf, um Hilfe zu holen – ein Unternehmen, das Wochen dauerte. In seiner Abwesenheit riss der Kaufmann Jeronimus Cornelisz die Macht an sich. Unter seiner Herrschaft kam es zu einem blutigen Massaker an den Gestrandeten. Als Pelsaert zurückkehrte, hatten nur 116 Menschen überlebt und erreichten wohlbehalten Jakarta.

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Die Geschichte der Meuterei ist gut dokumentiert. Aber die Fracht des Schiffs blieb lange ein Rätsel: Die historischen Aufzeichnungen sind lückenhaft, und die Steine, die fast vier Jahrhunderte im Meerwasser gelegen hatten, sehen auf den ersten Blick nahezu identisch aus. „Die historischen Unterlagen weisen Lücken auf, und nachdem die Steine knapp 400 Jahre im Meerwasser lagen, können sie sehr ähnlich aussehen“, erklärte Anthony Clarke von der School of Earth and Planetary Sciences an der Curtin University. Deshalb habe das Team der Frage nachgehen wollen, „ob mikroskopisch kleine Mineralkörner uns einen zuverlässigen Fingerabdruck darüber liefern können, woher der Stein stammt“.

Winzige Körner als geologischer Fingerabdruck

Die Methode, die die Wissenschaftler anwandten, gleicht einer forensischen Analyse: Anstatt sich auf äußere Merkmale zu verlassen, untersuchten sie die Zusammensetzung und das Alter winziger Mineralkörner im Gestein. So lässt sich der Ursprung des Materials präzise bestimmen. Das Ergebnis überraschte selbst die Forschenden: Die Steinbrocken, die „auf den ersten Blick identisch wirkten“, stammten aus unterschiedlichen Abbauregionen im heutigen Deutschland – konkret aus den Steinbrüchen von Bentheim und Obernkirchen im Niedersächsischen Becken.

Dieser Befund ist bemerkenswert, denn er belegt, wie weitreichend die Handels- und Logistiknetze der VOC bereits im 17. Jahrhundert waren. Die Kompanie musste Baumaterialien aus verschiedensten Regionen zusammenführen und über enorme Distanzen verschiffen, um ihre Stützpunkte in Asien auszubauen. Sandstein aus Norddeutschland fand sich so offenbar im Laderaum eines Schiffs wieder, das vor Australien scheiterte.

Ein Fenster in den frühen globalen Handel

„Fast 400 Jahre nach dem Untergang der ,Batavia‘ gibt das berühmte Schiff immer noch neue Geschichten preis“, sagte Corioli Souter, Koautorin der Studie und Leiterin der Abteilung für maritimes Kulturerbe am Western Australian Museum. Besonders spannend seien die „verborgenen Details über den frühen globalen Handel“, fügte sie hinzu. Die Studie zeige, dass die VOC nicht nur Gewürze und Waren, sondern auch schwere Baustoffe über Tausende Kilometer hinweg transportierte – ein logistischer Kraftakt, der zur Vormachtstellung der Kompanie im Welthandel beitrug.

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Die neuen Erkenntnisse werfen auch ein Licht auf die Arbeitsabläufe in den niederländischen Werften und Steinbrüchen. Möglicherweise wurden die Steine bereits im Ursprungsland auf Maß gehauen, um Platz und Gewicht auf den Schiffen zu sparen. Die genaue Route der Ladung bleibt indes spekulativ – ebenso wie die Frage, ob alle Steine für denselben Bau bestimmt waren oder verschiedene Projekte in Jakarta bedienten.

Das Wrack als Erbe der Seefahrtsgeschichte

Das Wrack der „Batavia“ wurde 1963 entdeckt und ist seither eine der bedeutendsten archäologischen Stätten Australiens. Die Fundstelle sowie die Lager der damaligen Überlebenden stehen unter Denkmalschutz. Dazu gehören auch die steinernen Befestigungsanlagen, die der loyalistische Soldat Wiebbe Hayes und seine Männer auf West Wallabi Island errichteten – sie gelten als die ältesten bekannten Bauwerke, die Europäer in Australien gebaut haben. Zwei der Meuterer, Wouter Loos und Jan Pelgrom de Bye, wurden später auf dem australischen Festland ausgesetzt und gelten als die ersten bekannten europäischen Bewohner des Kontinents.

Die neue Studie fügt dieser Geschichte eine weitere Facette hinzu: Sie zeigt, dass die „Batavia“ nicht nur für Tod und Chaos steht, sondern auch für die frühen globalen Verflechtungen, die die moderne Welt prägten. Die Steine aus deutschen Steinbrüchen sind stumme Zeugen eines Handelsnetzes, das Europa, Asien und Australien verband – lange bevor der Kontinent offiziell kolonisiert wurde.