Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat bei Rindern aus Baden-Württemberg einen bisher unbekannten Erreger nachgewiesen: ein Orthobunyavirus aus der Simbu-Serogruppe. Vier Proben aus dem Bundesland untersuchten die Wissenschaftler des Instituts in Greifswald – Riems. Das Ergebnis: Die Tiere waren mit einem Virus infiziert, dessen nächste Verwandte bislang nur aus Afrika, Asien und Australien bekannt sind.
Erste Fälle tauchten in mehreren Ländern auf
Erkrankte Rinder waren bereits in der Schweiz und in Frankreich aufgefallen. Im Juli meldeten dann auch zahlreiche Bestände in Süddeutschland – insbesondere in Baden-Württemberg – ähnliche Symptome. Die Tiere litten unter Fieber, Durchfall und einer sinkenden Milchleistung. Die Symptome erinnerten zunächst an das Schmallenberg-Virus, doch die Tests darauf sowie auf andere bekannte Erreger blieben negativ.
Erst die genetische Analyse am FLI brachte Klarheit: Sie zeigte eine große Übereinstimmung mit Shamonda-Viren. In der offiziellen Mitteilung wird der Erreger deshalb als »Shamonda-like« bezeichnet. Es handle sich um ein bislang nicht näher charakterisiertes Orthobunyavirus, erklärten die Forscher.
Übertragung durch blutsaugende Gnitzen
Das Virus wird durch Gnitzen übertragen, die zu den Stechmücken gehören. Diese Insekten sind in Deutschland noch bis etwa November aktiv. Dadurch, so befürchtet das FLI, könnte sich das Virus weiter und möglicherweise schnell ausbreiten. Die genauen Übertragungswege und das Verbreitungsgebiet werden derzeit intensiv untersucht.
Neben Rindern sind auch andere Wiederkäuer wie Schafe und Ziegen empfänglich. Antikörper gegen Viren der Simbu-Serogruppe wurden zudem bei Alpakas, Bisons sowie bei Reh-, Rot-, Dam- und Muffelwild nachgewiesen.
Risiko für trächtige Tiere besonders hoch
Erwachsene Tiere zeigen in der Regel nur milde bis moderate Krankheitszeichen. Kritisch wird es, wenn das Virus auf ungeborene Kälber übertragen wird. »Abhängig vom Zeitpunkt der Infektion können Aborte, Totgeburten und schwere angeborene Fehlbildungen auftreten«, warnt das FLI. Solche Komplikationen waren auch beim Schmallenberg-Virus zu beobachten, das 2011 in Deutschland für Aufsehen sorgte.
Das Schmallenberg-Virus löste damals vor allem bei Schafen Fehlgeburten und Missbildungen aus. Mehr als 2000 Höfe waren betroffen. Das neue Virus ähnelt ihm in weiten Teilen, weshalb das FLI die Lage nun genau beobachtet.
Keine Gefahr für den Menschen
Nach bisherigem Erkenntnisstand besteht für Menschen »kein relevantes Infektionsrisiko«, teilte das FLI mit. Das müsse aber noch genauer untersucht werden. Viren dieser Gruppe sind nicht als Zoonosen bekannt, insofern dürfte auch der neue Erreger für den Menschen ungefährlich sein. Dennoch verfolgen die Experten die Entwicklung aufmerksam.
Noch vieles unklar – Impfstoff möglich
Die Wissenschaftler stehen vor offenen Fragen. »Wir wissen noch nicht genau, welches Potenzial das Virus in sich trägt«, sagte eine FLI-Sprecherin. Sollte sich der Erreger stärker ausbreiten, könnte die Entwicklung eines Impfstoffs erforderlich werden. Zunächst gehe es darum, die Ausbreitung zu überwachen und mehr über den Erreger zu erfahren.
Das FLI ruft Tierhalter dazu auf, ungewöhnliche Krankheitsfälle in ihren Beständen umgehend zu melden. Nur so könnten die Behörden ein genaues Bild der Lage gewinnen und geeignete Maßnahmen ergreifen. Die Überwachung der Gnitzenpopulationen wurde bereits verstärkt.



