Monika Helfer besaß die seltene Gabe, aus dem Dunkel der eigenen Familie eine Kunst von großer Helligkeit zu machen. Nun ist die österreichische Schriftstellerin im Alter von 78 Jahren an den Folgen eines Sturzes gestorben. Ihr deutscher Verlag Hanser teilte am Sonntagnachmittag mit, der Tod sei „überraschend“ gekommen.
Der Tod war ein ständiger Begleiter in Helfers Leben – und zugleich eine Triebfeder ihres Schreibens. Ihre Mutter starb, da war Helfer elf Jahre alt. Ihr sechs Jahre jüngerer Bruder Richard nahm sich mit dreißig Jahren das Leben. Und 2003 verunglückte ihre Tochter Paula Köhlmeier, eines der zwei Kinder aus der Ehe mit dem österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier, während einer Wanderung. Paula wurde nur 21 Jahre alt.
Eine Freundschaft mit dem Tod
Helfer hat sich nach eigenem Bekunden schon früh mit dem Tod angefreundet. „Dieser könne nie das Ende sein“, sagte sie in einem Interview mit der Zeitschrift „Chrismon“. Vielleicht war diese Haltung der Grund, warum sie ihre Toten literarisch immer wieder auferstehen ließ.
In ihrem Roman „Bevor ich schlafen kann“ (2010) begegnet eine alternde Psychiaterin einem zwölfjährigen Mädchen namens Paula – ein unübersehbares Porträt ihrer eigenen Tochter. Das Mädchen hilft der Ärztin, sich selbst wieder zu finden. Und sogar den tödlichen Unfall deutet Helfer an, wenn es heißt: „Des Waldes Dunkel zieht mich an, doch muss zu meinem Wort ich stehen und Meilen gehen, bevor ich schlafen kann.“
Die späte Entdeckung
Geboren 1947 in Au in Vorarlberg, war Helfer längst eine profilierte Autorin, bevor sie in Deutschland breite Bekanntheit erlangte. Ihr Debüt „Eigentlich bin ich im Schnee geboren“ erschien 1977, mit Illustrationen ihres Bruders Richard. Drei Jahre später folgte ihr erster Roman „Die wilden Kinder“ – ein Titel, der für ihr Werk fast programmatisch wirkt, denn immer wieder rückte Helfer Kinder in den Mittelpunkt, ihre Widerstandskraft und ihren Lebenswillen.
Ein Beispiel ist „Oskar & Lili“ über zwei tschetschenische Flüchtlingskinder und ihre Mutter, die in Österreich schnell auseinandergerissen werden. Der Roman wurde 2020 verfilmt.
Ihr Durchbruch in Deutschland kam 2020 mit dem Familienroman „Die Bagage“. Auf Grundlage der Erinnerungen einer Tante erzählt Helfer die Geschichte ihrer Vorarlberger Großeltern und deren Kinder, insbesondere die ihrer Mutter Grete. Sie tritt dabei offen als Ich-Erzählerin auf und verwischt doch die Grenzen zwischen Autobiografie und Fiktion so meisterhaft, dass man stets im Zweifel lässt, was erfunden und was erlebt ist.
Ein Buch, das alles veränderte
„Die Bagage“ ist ein schmales Buch und zugleich ein großer historischer Roman. Es ist auch ein Totenbuch, mit dem Helfer ihrem Onkel Lorenz ein kleines Denkmal gesetzt hat. Lorenz übernahm nach dem Tod des Großvaters die Verantwortung für die „Bagage“, wurde aber nur 50 Jahre alt: Er wurde in Bregenz von einem Auto erfasst.
Nach „Die Bagage“ folgten zwei weitere autofiktionale Bücher: „Vati“ über ihren Vater, der wenig fürsorglich und lebensuntüchtig war, aber in Büchern lebte. Und „Löwenherz“ über ihren Bruder Richard, der zu den großen Geschichtenerzählern gehörte – ein „Schmähtandler“, wie man in Vorarlberg sagte. Richards Devise war laut Helfer: „Die Welt einfach nur anschauen. (…) Am Ende werden wir alle sagen: Wir haben zu viel getan und zu wenig geschaut.“
Ein Vermächtnis der Zärtlichkeit
Auch späte Werke wie der Roman „Die Jungfrau“ über eine Freundin oder die Kürzestgeschichten „Wie die Welt weiterging“ zeigen Helfers Hingabe an das Leben. Sie wurde mehrfach ausgezeichnet, war in Österreich längst ein Star – in Deutschland wurde sie durch „Die Bagage“ über Nacht zur Bestsellerautorin und zum Dauergast auf den Nominierungslisten des Deutschen Buchpreises.
Nun ist Monika Helfer gestorben. Ihr Verlag sprach von einem „überraschenden“ Tod nach einem Sturz. Die Literatur verliert eine Autorin, die das Leise und das Zerbrechliche in eine Kunst von großer Schönheit zu verwandeln wusste.



