Die Percussion-Show „Stomp“ gastiert bis zum 19. Juli 2026 in der Berliner Staatsoper Unter den Linden und feierte am Dienstagabend ihre Premiere vor fast ausverkauftem Haus. Der Kontrast zwischen der urbanen Rhythmus-Show und der Location hätte nicht größer sein können: Wo sonst Wagner-Akkorde und feinsinnige Mozart- oder Verdi-Arien die altehrwürdigen Räumlichkeiten erfüllen, entfalteten acht Künstler ihre Percussion-Poesie. Keine Ouvertüre aus dem Orchestergraben, kein Dirigentenstab, der sich hob. Inmitten des goldenen Neorokoko-Ambientes ließen die Künstler in staubigen Overalls, zerschlissenen Jeans und schweren Arbeitsstiefeln die Bühne beben.
Alltagsgegenstände als Instrumente
Als Erstes betrat ein einzelner Performer die Szenerie. In den Händen hielt er nichts weiter als einen einfachen Straßenbesen mit harten Borsten und erntete bereits dafür Applaus. Das Publikum hatte von Anfang an Lust, sich vom Rhythmus mitreißen zu lassen, und folgte der fast zweistündigen Show ohne Pause begeistert bis zum Schluss. Die universelle Sprache des puren Rhythmus, die ohne Worte auskommt und tief in der menschlichen Evolution verwurzelt ist, versteht jeder. Trommeln und synchrones Stampfen gehören zu den ältesten spirituellen und sozialen Ritualen der Menschheit.
Keine Handlung, keine Tutus, kein melodiöser Sound, kein einziges gesprochenes Wort: Bei „Stomp“ regieren profane Alltagsgegenstände, unbändige, rohe Energie und der nackte, pure Rhythmus. Alles wirkt wie zufällig, jeder Gegenstand erzeugt ein anderes Geräusch, doch das Ganze gibt zusammen dennoch eine stimmige Performance. Dazwischen gab es Comedy-Einlagen, die mit minimalistischer Pantomime das Publikum zum Lachen brachten.
Von Streichholzschachteln bis zu Mülltonnen
Das Ensemble erzeugte laute Rhythmen mit Streichholzschachteln, Waschbecken, Klick-Feuerzeugen, Holzstangen, Besen und Mülltonnen. Beim Showdown stapften die Performer sogar in Skistiefeln, an denen große, schwarze Tonnen hingen, über die Bühne. Eine der gelungensten Szenen war die mit den Klick-Feuerzeugen: Im Dunkeln formierte sich das Ensemble zu einer Art lebendem Synthesizer, bei dem immer nur einzelne oder Dreierpaare rhythmisch aufblinkten.
Das Ensemble besteht aus Vollprofis. Joshua Cruz aus New York spielte schon als Sechsjähriger Schlagzeug in einer dominikanischen Kirche in der Bronx. Sean Perham, ebenfalls aus New York, ist seit 2017 Teil des Ensembles. Er sah die Show schon mit zehn Jahren und musste sich über sechs Jahre hinweg drei Auditions stellen, bevor sein Traum in Erfüllung ging.
Deutscher Performer im Ensemble
Der einzige Deutsche in der Truppe ist der Percussionist und Lehrer Dominik Schad aus Wangen im Allgäu. Auch bei ihm begann die Begeisterung für „Stomp“ in der Kindheit. Bevor er 2015 ausgewählt wurde, studierte er Musik in Hannover und bewarb sich mehrmals bei den internationalen Auditions. „Im Grunde haben wir in unserem Körper alles dabei, um Rhythmus zu erzeugen. Man braucht kein Instrument“, sagte er der Presse. Er habe jedoch meist eine Streichholzschachtel bei sich.
Eine der beiden Frauen im Ensemble ist Molly Wallace. Mit ihrem blonden Pferdeschwanz springt die Performerin, die auch Pilates und Steptanz liebt, leichtfüßig über die Bühne. Dass bei den spielerisch wirkenden Nummern nicht immer alles klappt, zeigt sie auf TikTok, wo sie von einem durch die Luft fliegenden Topf am Auge verletzt wurde.
Wurzeln des Rhythmus-Kultes
„Stomp“ ist ein Percussion-Phänomen, das 1991 im britischen Brighton seinen Anfang nahm und einen weltweiten Siegeszug hinter sich hat. Die Straßenmusiker und Schauspieler Luke Cresswell und Steve McNicholas erfanden die Show aus der Idee heraus, Rhythmus, Tanz und Comedy mit gewöhnlichen Alltagsgegenständen zu kombinieren. Mit der Straßenband „Pookiesnackenburger“ spielten sie beim Edinburgh Festival. Schon damals testeten sie Rhythmen auf Alltagsgegenständen und spielten bei Benefizkonzerten für Bergleute während der Thatcher-Ära erste Nummern mit Besen und Mülltonnen. Ende der 80er-Jahre produzierten sie den berühmten „Bins“-Werbespot für die Biermarke Heineken, in dem Müllmänner auf ihren Tonnen trommelten. Der Erfolg dieses Clips gab den Anstoß, einen durchgehenden, abendfüllenden Rhythmus-Act ohne Worte zu entwickeln.
Die Show wurde von Anfang an vom Publikum gefeiert und räumte renommierte Preise ab. Schnell folgten internationale Touren, die die Truppe von Großbritannien nach New York an den Broadway und um die ganze Welt brachten. Die Faszination für die Rhythmus-Show, darin sind sich Experten einig, entspringt einer tiefen Sehnsucht nach universeller, vorsprachlicher Kommunikation und der Transformation des Alltäglichen in Kunst. Der Rhythmus des Herzschlags ist die erste sensorische Erfahrung des Menschen im Mutterleib. Dadurch, dass die Show komplett auf gesprochenes Wort oder eine Handlung verzichtet, können Menschen gut abschalten. Ohne Sprachbarrieren versteht jeder Mensch auf der Erde die Performance instinktiv.
„Stomp“ ist bis zum 19. Juli 2026 in der Staatsoper, Unter den Linden 7, 10117 Berlin-Mitte zu sehen. Die Vorstellungen finden täglich um 19.30 Uhr statt, am Wochenende gibt es zudem zusätzliche Nachmittagsvorstellungen. Die Dauer der Show beträgt 1 Stunde und 40 Minuten ohne Pause. Tickets sind ab 40,40 Euro erhältlich.



