Die Deutsche Bahn setzt ihren juristischen Feldzug gegen die ZDF-Dokumentation „Am Puls mit Dunja Hayali – Unsere Bahn: geliebt, verflucht – gefährlich?“ fort – obwohl der Sender inzwischen zwei von dem Staatskonzern beanstandete Punkte korrigiert hat. Wie eine ZDF-Sprecherin auf Anfrage bestätigte, fordert das Unternehmen weiterhin, den Film zu depublizieren. Eine Depublikation würde bedeuten, dass die Sendung nicht mehr in der ZDF-Mediathek abrufbar wäre und auch nicht erneut ausgestrahlt werden dürfte. Zuerst hatte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ über die anhaltende Forderung berichtet.
Die Bahn begründet ihren Vorstoß mit einer unvollständigen und einseitigen Berichterstattung. In einer schriftlichen Stellungnahme beruft sich der Konzern auf die Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs: „Nach der aktuellen Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs kann auch eine unvollständige Berichterstattung rechtswidrig sein, wenn wesentliche Fakten weggelassen wurden und dadurch ein Zerrbild der Wirklichkeit entsteht.“ Damit macht die Bahn deutlich, dass sie nicht nur falsche Tatsachen, sondern auch ausgelassene Informationen als rechtswidrig ansieht. Schon in einer früheren Stellungnahme hatte der Konzern moniert, dass der Film die Fortschritte bei der Infrastruktur ausblende. Diesen Vorwurf wiederholt die Bahn nun mit Verweis auf die höchstrichterliche Rechtsprechung. Auf die Frage, ob bereits Klage eingereicht wurde oder wann damit zu rechnen ist, wollte sich das Unternehmen nicht näher äußern.
Der Film: Sicherheit und Digitalisierung als Kernthemen
In der Sendung widmet sich Dunja Hayali den strukturellen Schwächen des Bahnsystems in Deutschland. Die Journalistin spricht dafür mit der Bahnchefin, mehreren Beschäftigten aus unterschiedlichen Bereichen, Politikern sowie zahlreichen Reisenden. Zwei Schwerpunkte stechen dabei heraus: die Sicherheit im Bahnverkehr und die nach wie vor zögerliche Digitalisierung des Schienennetzes. Die Doku ist Teil der ZDF-Reihe „Am Puls“, in der gesellschaftlich relevante Themen aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden.
Genau diese Auswahl wirft die Bahn dem ZDF vor. Der Film lasse außer Acht, was bei der Sanierung der Infrastruktur bereits erreicht worden sei, heißt es aus dem Konzern. Namentlich nennt die Bahn die Generalsanierungen, also die grundlegende Erneuerung stark belasteter Streckenabschnitte. Als Beispiel dient die Riedbahn zwischen Frankfurt am Main und Mannheim. Auf dieser Strecke seien nach dem Umbau deutlich weniger Störungen aufgetreten, argumentiert die Bahn unter Verweis auf eine frühere Stellungnahme.
Hamburg–Berlin: 165 Kilometer Gleis und 678 Signale erneuert
Besonders konkret wird die Bahn bei der Strecke Hamburg–Berlin, die in der Doku thematisiert wird. Dort seien 165 Kilometer Gleise und 678 Signale vollständig erneuert und für die digitale Zugsteuerungstechnik ETCS vorbereitet worden. Diese Zahlen nannte der Konzern auf Anfrage. Der Zuschauer erhalte durch das Weglassen dieser Fortschritte ein verzerrtes Bild vom Zustand der Bahn, argumentiert das Unternehmen.
Darüber hinaus haben die Anwälte der Bahn laut eigener Aussage zwei Fehler in der Doku ausfindig gemacht, die das ZDF nachträglich korrigiert hat. Dies sei jedoch erst nach „juristischer Geltendmachung“ passiert, teilt die Bahn mit. Damit will der Konzern unterstreichen, dass er die Fehler nicht einfach hingenommen hat, sondern aktiv gegengesteuert hat.
Was korrigiert wurde: Stellwerke und Belgien-Vergleich
Eine Grafik in der Doku hatte die Zahl der digitalen Stellwerke in Deutschland mit null angegeben. Richtig ist, dass bereits drei existieren. Diese Zahl wurde nachträglich korrigiert. Zudem präzisierte das ZDF einen Vergleich mit der belgischen Bahn. Die dort ausgewiesene Pünktlichkeit bezog sich offenbar nicht nur auf den Fernverkehr, sondern auf den gesamten Personenverkehr. Auch dieser Hinweis wurde umgesetzt. Die Korrekturen sind in der Online-Fassung des Films bereits sichtbar.
Die Korrekturen stellen das ZDF jedoch nicht zufrieden. Der Sender weist die Kritik in einer Reaktion auf Anfrage entschieden zurück. Die Dokumentation sei „journalistisch sorgfältig recherchiert“, enthalte keine inhaltlichen Mängel und bilde ein breites Spektrum an Perspektiven ab. Die korrigierten Fehler seien ausgeräumt. „Für weitere Anpassungen sehen wir keinen Anlass“, sagt ein ZDF-Sprecher wörtlich. Man gehe weiterhin davon aus, dass die Doku den Fakten entspreche.
Ob der Streit vor Gericht endet, bleibt abzuwarten. Die Bahn hat sich bislang nicht festgelegt, wann oder wie sie ihre Forderung durchsetzen will. Das ZDF zeigt sich jedenfalls nicht bereit, den Film eigenmächtig aus dem Programm zu nehmen. Bis zu einer möglichen Entscheidung bleibt die Doku also in der Mediathek abrufbar.



