Als Blue im Jahr 2001 mit der Debütsingle „All Rise“ die Charts weltweit eroberte, war der Hype riesig. Die Boyband um Lee Ryan, Simon Webbe, Duncan James und Antony Costa wurde über Nacht zum Phänomen. 25 Jahre später ist „All Rise“ immer noch ein Hit, und die Fans von damals – aber auch Millionen neue – feiern die Band weiterhin frenetisch. Grund genug für eine große Jubiläumstour. Bevor es losgeht, steht ein besonderer Auftritt an: Beim „Glücksgefühle“-Festival auf dem Hockenheim-Ring werden Blue am 4. und 5. September live spielen. BILD überträgt Deutschlands größtes Mainstream-Festival exklusiv aus Hockenheim.
Vor diesem Mega-Auftritt traf sich Lee Ryan mit BILD zum Interview – und gab sich so offen wie selten. Der 43-Jährige sprach über die Schattenseiten des Ruhms, seine Autismus-Diagnose und darüber, warum das Vatersein für ihn heute mehr bedeutet als jeder Karriereerfolg.
Autismus-Diagnose: Lee Ryan spricht über seine Wahrnehmung
Vor etwa drei Jahren wurde bei Lee Ryan Autismus diagnostiziert. Diese Nachricht hat sein Leben verändert – auch wenn er selbst noch immer dabei ist, sie zu verstehen. „Ich spreche nicht oft darüber, weil ich es selbst noch nicht komplett verstehe“, sagt er im BILD-Interview. „Für mich ist mein Verhalten normal. Erst wenn andere sagen: Ja, genau so bist du, merke ich, dass ich manche Dinge ganz anders wahrnehme.“
Um sich selbst besser zu verstehen, fragt Ryan Menschen in seinem Umfeld manchmal direkt, wie er auf sie wirkt. Die Diagnose habe ihm erklärt, warum er in manchen Bereichen außergewöhnlich gut ist und in anderen große Schwierigkeiten hat. „Im Studio arbeite ich extrem schnell. Songs, Texte, Melodien – das passiert bei mir manchmal innerhalb weniger Minuten“, berichtet er. Musiker-Kollegen hätten ihm gesagt, so etwas noch nie erlebt zu haben.
Auf der anderen Seite kämpft der Sänger mit sensorischen Überforderungen. „Manche Reize überfordern mich komplett. Ich werde schnell ungeduldig und ich verliere manchmal die Kontrolle oder unterbreche Menschen im Gespräch, obwohl ich das gar nicht möchte.“
Rückblick: „Die Öffentlichkeit war gnadenlos“
Als Blue Anfang der 2000er Jahre berühmt wurde, gab es kaum öffentliche Debatten über psychische Gesundheit. Lee Ryan erinnert sich an eine Zeit, in der Fehler nicht verziehen wurden. „Das Schwierigste war, Fehler zu machen. Jeder macht Fehler – so lernt man schließlich. Aber damals war die Öffentlichkeit gnadenlos. Man wurde immer wieder auf seine schlimmsten Momente reduziert“, sagt er.
Ohne Fehler entwickle sich niemand weiter, so der Sänger. Er sei überzeugt, dass sich in den letzten Jahrzehnten viel bewegt habe: „Früher wurden Menschen von Medien regelrecht fertiggemacht. Heute gibt es hoffentlich mehr Bewusstsein dafür, welche Folgen das haben kann.“
Auf die Frage, was er seinem 20-jährigen Ich raten würde, muss Lee Ryan lachen. „Ehrlich? Ich würde ihm zuerst eine Ohrfeige geben und dann wieder gehen.“ Natürlich frage man sich manchmal, was man anders gemacht hätte. Aber der Butterfly-Effekt spiele eine zu große Rolle. „Vielleicht hätte ich dann heute nicht meine Frau oder meine Kinder. Alles, was passiert ist, hat mich dorthin gebracht, wo ich heute bin – und ich bin so glücklich wie nie zuvor. Deshalb würde ich letztlich nichts verändern.“
Männer und psychische Gesundheit: „Schwäche zeigen ist keine Option“
Lee Ryan spricht offen darüber, dass es für Männer oft schwerer ist, über psychische Probleme zu reden. „Ja, ich glaube schon. Viele Männer haben das Gefühl, Schwäche zeigen sei keine Option. Mir geht es genauso“, erklärt er. Er möchte nicht, dass seine Frau denkt, er würde auseinanderbrechen. „Natürlich merkt sie trotzdem, wenn es mir nicht gut geht.“
Für ihn gehört zu seiner Rolle als Ehemann auch, Sicherheit auszustrahlen. „Das macht es manchmal schwer, offen über die eigenen Kämpfe zu sprechen“, gibt er zu. Und auch mit sich selbst ist der 43-Jährige nicht gnädiger geworden. „Nein, ich möchte einfach immer eine bessere Version von mir sein. Ich mache noch immer Fehler. Aber wenn zwischen zwei Fehlern immer mehr Zeit vergeht, weiß ich, dass ich Fortschritte mache.“
Er sei seinen Fehlern sogar dankbar: „Aus Erfolgen lernt man viel weniger. Fehler haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin.“
Vater von sechs Kindern: Erfolg hat für Lee Ryan eine neue Bedeutung
Lee Ryan ist Vater von sechs Kindern: Vier stammen aus seiner Ehe mit Verity Paris, die er 2022 heiratete, zwei aus früheren Beziehungen. Die Vaterschaft habe seine Sicht auf Erfolg komplett verändert. „Im Vergleich dazu ist beruflicher Erfolg fast bedeutungslos. Erfolg ist für mich keine Rolex oder irgendein Statussymbol“, betont er.
Sein größter Erfolg sei es, einige seiner inneren Dämonen besiegt zu haben. „Erst dadurch konnte ich auch ein besserer Vater werden“, sagt Ryan. „Ich liebe es, Vater zu sein. Wenn ich arbeite, komme ich danach direkt nach Hause. Früher war das anders, heute möchte ich jede freie Minute mit meinen Kindern verbringen.“
Zuletzt traten Blue im Juli 2026 beim Auftritt im italienischen Piacenza auf, wo Lee Ryan mit seinen Bandkollegen Simon Webbe (48), Duncan James (48) und Antony Costa (45) die Bühne rockte. Bei der Jubiläumstour ist die Familie natürlich im Gepäck. Beim „Glücksgefühle“-Festival auf dem Hockenheim-Ring werden Blue am 4. und 5. September ihre größten Hits spielen – und Lee Ryan wird mit Sicherheit einmal mehr zeigen, wie viel ihm die Musik und seine Fans bedeuten.



