Laurins Mutter: „Er hätte noch bei uns sein können“
Mutter erzählt vom kurzen Leben ihres herzkranken Sohnes

Das kurze Leben von Laurin lässt sich in drei Kapiteln erzählen. Das erste beginnt am dritten Tag nach seiner Geburt in einer Geburtsklinik in Bozen. Die Mutter Barbara Giacomozzi hat gerade einen Kaiserschnitt hinter sich, als ihr Ehemann mit dem Baby, einer Krankenschwester und dem Kinderarzt in das nur wenige Minuten entfernte öffentliche Krankenhaus aufbricht. Laurin ist ein kräftiges Baby, vier Kilo schwer, und doch schlägt die Stimmung um. Als der Vater zurückkehrt, ist das Körbchen leer. Die Ärzte hätten gesagt: sofort auf die Intensivstation, sonst stirbt das Kind.

Für die frischgebackene Mutter ist es ein Schock. Sie lässt sich vorzeitig entlassen und eilt zu ihrem Sohn, der bereits an Maschinen angeschlossen ist. Fachbegriffe, die sie nicht versteht, prasseln auf sie ein. Laurin wird nach Padua in eine Herzklinik verlegt. Dort lautet die Diagnose: ein schwerer, zuvor unerkannter Herzfehler. Die linke Herzhälfte ist unterentwickelt, die Aorta verengt. Für die Südtirolerin, deren Muttersprache Deutsch ist, sind die italienischen Ärzte schwer zu verstehen. Die medizinischen Zusammenhänge bleiben ihr zunächst verschlossen.

Operation mit 16 Tagen

Mit nur 16 Tagen wird Laurin in einem 15-stündigen Eingriff operiert. Die Operation gelingt, doch ein Nerv wird verletzt. Von da an ist ein Herzschrittmacher nötig – ein Gerät, das in den Bauch eingesetzt wird und fast so groß ist wie das Baby selbst. Nach zwei Monaten in der Klinik darf Laurin nach Hause. Die Prognose lautet „vorsichtig optimistisch“: „Er kann fast alles machen“, heißt es. Und tatsächlich entwickelt sich Laurin zunächst gut: Er sitzt früh, spricht erste Worte, wächst in eine Zukunft hinein, die für seine Eltern und seine ältere Schwester Jasmin ganz normal wirkt.

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Doch das zweite Kapitel beginnt nach etwa eineinhalb Jahren. Laurin wird schwächer, verweigert das Essen, nimmt nicht zu. Wieder muss er in die Klinik, wieder steht ein Eingriff an: Ein neuer Herzschrittmacher wird implantiert. Diesmal kommt es zu Komplikationen. Laurin überlebt – doch er trägt schwere Schäden davon: eine Hirnschädigung, Spastik, keine Sprache mehr. Nur ein einziges Wort bleibt ihm: „Ja.“ „Der Verstand war da“, sagt seine Mutter. Sprechen kann Laurin fortan nur noch mit seinen Augen – das aber umso ausdrucksstärker. Über eine spezielle „Augenmaus“ steuert er einen Cursor auf dem Tablet und tippt Buchstaben, um sich mitzuteilen. Es ist mühsam, aber es funktioniert.

Ein Leben mit Grenzen – und mit Freude

Trotz aller Einschränkungen ist Laurin kein Kind, das sich aufgibt. Er besucht den Kindergarten, die Schule und später sogar die Oberschule. Mit der Augenmaus spielt er am Computer „Mario“, springt mit der Spielfigur über Hindernisse auf einem großen Bildschirm. Diese Momente liebt er. Seine Schwester Jasmin studiert heute. Damals ist sie die Große, die mitlernt, ihren Platz zu behaupten in einem Alltag, der sich oft um den Bruder dreht. Die Familie organisiert sich: Pflege, Therapie, Alltag – rund um die Uhr, immer gemeinsam.

„Er hat das Leben geliebt, so wie es war“, sagt Barbara Giacomozzi später. An dieser Stelle stockt ihre Stimme. Sie sucht nach Worten, hält inne, kämpft mit den Tränen. Dann sagt sie: Laurin sei ein Sonnenschein gewesen, einer, der seinen Platz in der Welt wollte – und ihn sich genommen hat. Es klingt nach einem Leben, das trotz aller Widrigkeiten schön war.

Das letzte Kapitel: Lungenentzündung und Sepsis

Doch das dritte Kapitel beginnt leise, und es führt zum Ende. Über die Jahre hinweg leidet Laurin immer wieder an Lungenentzündungen. Weil er sich kaum bewegen kann, bleiben seine Atemzüge flach. Zu wenig Bewegung, zu wenig tiefe Atmung – das Risiko wächst. Am Ende sind es nicht die Folgen des Herzfehlers selbst, die Laurin töten, sondern eine weitere Lungenentzündung, aus der sich eine Sepsis entwickelt.

Am 8. März stirbt Laurin, 21 Jahre alt. Er hätte im Dezember seinen 22. Geburtstag gefeiert. Seine Mutter sagt den Satz, der alles zusammenfasst: „Ansonsten wäre unser Laurin noch da. Er hätte noch bei uns sein können.“ Es klingt wie ein Vorwurf, aber auch wie große Trauer. Hätte man den Herzfehler vor der Geburt erkannt, wäre Laurins Weg vielleicht ein anderer gewesen – ein längerer, ein leichterer.

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Was bleibt

Was bleibt, ist eine Familie, die viel getragen hat und zusammenhält. Eine Tochter, die ihren Weg geht. Und die Erinnerung an einen Jungen, der mit wenig auskam und doch viel hatte. Ein kurzes Leben – aber eines, das, in den Worten seiner Mutter, „dennoch schön“ war.