Die Damentoilette ist seit Jahren Gegenstand öffentlicher Debatten – sei es über Unisex-Toiletten, sexualisierte Gewalt oder zuletzt über die Grenzen der Literaturkritik. Im Frühjahr 2024 löste Denis Scheck in seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ einen Sturm der Entrüstung aus, als er Ildikó von Kürthys Buch über das Altern als „Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette“ bezeichnete. Die Empörung in sozialen Medien und im Feuilleton gipfelte in Elke Heidenreichs Forderung nach Absetzung der Sendung.
Anthologie als literarische Antwort
Nun ist im Verlag Park X Ullstein die Anthologie „Die Damentoilette. 22 Liebeserklärungen“ erschienen. 22 Autorinnen und Autoren – darunter Gabriele von Arnim, Nicole Seifert und Rita Bullwinkel – widmen dem Ort hymnische Texte. Obwohl Denis Scheck namentlich nicht erwähnt wird, ist der Bezug zur Debatte unübersehbar: Sophie Passmann, deren Buch ebenfalls von Scheck verrissen wurde, steuerte den Werbespruch „Geschnatter auf der Damentoilette für immer“ bei.
Die Damentoilette als politischer Raum
Herausgeberin Friederike Schilbach, Lektorin und Programmleiterin bei Park X Ullstein, schreibt im Intro: „Die Damentoilette wirkt auf den ersten Blick wie ein funktionaler Ort, ist aber ein politischer Raum, weil sie gesellschaftliche Machtverhältnisse, Geschlechternormen, Fragen von Teilhabe und Diskriminierung sichtbar macht.“ Sie hatte die Autor:innen im Frühjahr spontan angefragt; viele lieferten ihre Beiträge innerhalb weniger Tage, wie sie in einem Podcast erzählte.
Jovana Reisinger greift in ihrem Text das Klischee auf, dass Mädchen stets zu zweit auf die Toilette gehen – eine Frage, die schon in der „Bravo“ kursierte. Darin schwinge die Angst mit, „dass die Weiber aufm Klo irgendwas Fieses machen könnten“.
Popkulturelle Referenzen und autobiografische Reflexionen
Viele Texte sind autobiografisch geprägt und kreisen um die Frauentoilette als Safe Space – ein Motiv, das mitunter überstrapaziert wirkt. Doch popkulturelle Verweise auf Toilettenszenen in Serien wie „Girls“ oder „Sex and the City“ sorgen für Wiedererkennung. Dana Vowinckel bringt es auf den Punkt: „Die Debatte ist deshalb so fehlgeleitet, weil die Annahme, was auf Damentoiletten besprochen wird, sei oberflächliches Geschnatter, sexistisch und überheblich ist. Aber es geht doch im Umkehrschluss nicht darum, dass jedes Gespräch auf dem Frauenklo toll und tiefgründig ist.“
Schattenseiten und internationale Perspektiven
Vowinckel lehnt die Romantisierung der Damentoilette als Tempel weiblicher Solidarität ab: „War den Nazi-Frauen auch egal, ob sie mal zusammen mit den jüdischen Frauen auf der Toilette waren.“ Sie beschreibt eindrücklich, wie die Toilette zum Ort der Gewalt wird – wenn Mädchen dort gehänselt werden, trans Frauen ausgeschlossen werden oder Frauen sich gegenseitig beschämen: „In den Schulen des Patriarchats, auf den Klos des Patriarchats, wollen Frauen verschwinden.“
Ubin Eoh berichtet von luxuriösen Toiletten in U-Bahnhöfen in Seoul, die im Gegensatz zu „stinkenden Exemplaren hierzulande“ einen „kleinen Wellness-Moment“ bieten. Wie viel entspannter wäre das Leben, wenn man wüsste, dass das nächste Hightech-Klo nur eine Station entfernt ist?
Literarische Ausflüge und ungewöhnliche Perspektiven
Einige Texte brechen mit dem autobiografischen Muster: Lin Hierse erzählt in der Kurzgeschichte „Die Verwandlung“ von einer Frau, die sich auf einer Restauranttoilette in eine Bärin verwandelt. Heidi Julavits beschreibt das Badezimmer als Wald. Nora Gantenbrinks Text über die Reinigungskraft Gerti, die sich auf einer öffentlichen Toilette etwas zur Rente dazuverdient, ist unterhaltsam: Sie hält jungen Frauen ohne Berührungsängste die Haare beim Kotzen und gibt Beziehungsratschläge: „‚Die Hässlichen‘, sagte Gerdi, ‚sind oft die Besten.‘“
Fazit: Ein Ort der Widersprüche
Die Anthologie zeigt, dass Verkürzungen nie weiterhelfen – ob man die Damentoilette nun als feministisches Refugium oder als Stätte trivialer Gespräche deutet. Wie Dana Vowinckel schreibt: „Die Damentoilette kann ein magischer Ort sein und ein grausamer.“



