Der Staat übernimmt auf dem Grünen Hügel immer deutlicher die Regie: Bund und Freistaat Bayern erhöhen ihre jährlichen Zuwendungen an die Richard-Wagner-Festspiele Bayreuth um jeweils eine Million Euro. Künftig fließen von jedem der beiden Geldgeber mehr als 5,2 Millionen Euro pro Jahr. Schon zuvor hatten Bund und Land ihre Position als Gesellschafter ausgebaut, nun unterstreichen sie ihren Anspruch auf Mitsprache im Jubiläumsjahr, in dem die Festspielgeschichte 150 Jahre alt wird.
Nike Wagner: Vom Familien- zum Staatstheater
Bei der Festrede zum 150-jährigen Jubiläum hat Nike Wagner, die Cousine der Festspielleiterin Katharina Wagner, die Entwicklung scharf kritisiert. „Eine Art Erdrutsch findet statt“, sagte sie. Damit meinte sie den „endgültigen Übergang vom Familientheater zum Staatstheater“. Bund und Land, die Geldgeber, hätten inzwischen so viel Mitspracherecht, dass sie die Festspielleitung ernennen. Für Nike Wagner sind sie „die Totengräber des familiären Elements der Festspielgeschichte“. Nur das künstlerische Element sei heute – „noch“ – in Familienhand.
Symbolik beim roten Teppich
Wie weit die Politik bereits auf dem Grünen Hügel präsent ist, zeigte sich bei der Eröffnung des Festspielsommers. Eigentlich ist der Oberbürgermeister dafür zuständig, die Ehrengäste beim „Auffahrt“ genannten Zeremoniell am Königsportal zu begrüßen. Diesmal positionierten sich dazu der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer und seine Frau Christiane sowie Bayerns Kunstminister Markus Blume vor dem neuen Oberbürgermeister Andreas Zippel und dessen Partner Luca Maaß. Weimer begrüßte jeden Ehrengast mit den Worten „Willkommen zum Jubiläum!“. Katharina Wagner wartete unterdessen im Portal und trat erst heraus, als die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel eintraf.
Auf die Frage des „Nordbayerischen Kuriers“, ob die Minister das Begrüßungszeremoniell künftig übernehmen, antwortete Zippel: „Das werden wir in der Zukunft sicherlich ausdiskutieren.“ Die Aktion sei sehr kurzfristig gekommen. Weimer selbst wollte die Frage nicht beantworten. Blume sagte, das habe sich „tatsächlich so ergeben“, betonte aber zugleich die große Rolle der Gesellschafter Bund und Land.
Mehr Geld trotz Sparvorgaben
Die Erhöhung der Zuschüsse kommt trotz des allgemeinen Sparkurses von Bund und Ländern. Beide Seiten stocken ihre Förderung um je eine Million Euro auf mehr als 5,2 Millionen Euro pro Jahr auf. Ministerpräsident Markus Söder habe deutlich gemacht, dass bei Kunst und Kultur nicht gespart werde, erklärte Blume. Man verstehe die Förderung auch als Versicherung gegen autoritäre Strömungen.
„Wir sind auch bereit, dauerhaft mehr zu tun, weil wir natürlich sehen, dass Tarifentwicklungen und Kostensteigerungen auch vor den Bayreuther Festspielen nicht Halt machen“, sagte Blume. Die erhöhte Förderung sei „eine positive Ansage für die Zukunft“.
Gesellschafter: Bund und Land dominieren
Die finanzielle Stärkung ist Teil einer grundlegenden Umstrukturierung. Bund und Land haben vor wenigen Jahren Anteile der Festspielgesellschaft von den Mäzenen der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth übernommen. Seitdem halten sie jeweils 36 Prozent der Anteile und sind damit die größten Anteilseigner. Neben ihnen sind die Freunde von Bayreuth und die Stadt Bayreuth Gesellschafter.
Der Historiker Bernd Buchner, Autor von „Wagners Welttheater“, sieht Bayreuth deshalb längst als Staatstheater. „Die Familie Wagner ist so gut wie entmachtet“, sagte er der dpa. Katharina Wagner werde zwar weiterhin als Gesicht der Festspiele wahrgenommen, die Entscheidungen aber fielen inzwischen bei den staatlichen Geldgebern.
150 Jahre wechselvolle Festspielgeschichte
Der Weg bis zu diesem Punkt war lang und von Familienstreitigkeiten geprägt. Nach Richard Wagners Tod 1883 übernahm seine Witwe Cosima die Leitung. Sie institutionalisierte die Festspiele und verfolgte eine antisemitische Besetzungspolitik, bei der jüdische Künstlerinnen und Künstler bewusst ausgegrenzt wurden. Nach dem Tod des Sohnes Siegfried machte dessen Frau Winifred Bayreuth in der NS-Zeit zu einem braunen Spektakel zu Ehren ihres Freundes Adolf Hitler.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang Winifreds Söhnen Wieland und Wolfgang der Neustart. Nach Wielands Tod führte Wolfgang die Festspiele allein weiter. In der Folge kam es zu einem erbitterten Ringen um die Nachfolge: Wielands Nachfahren blieben außen vor, zunächst leiteten Eva und Katharina Wagner, seit 2015 ist Katharina Wagner alleinige Chefin. Sie selbst hatte wiederholt Reformen der komplizierten Festspielstrukturen angemahnt.
Strukturreform wird konkret
Jetzt treiben Bund und Land die Reform offenbar voran. Ende August soll der lang angekündigte General Manager Matthias Rädel seinen Posten antreten. „Bayreuth entwickelt sich auf der Bühne stetig weiter“, sagte Blume. „Diesen Anspruch müssen wir auch in den Strukturen einlösen. Die Reform der Governance ist inhaltlich vorbereitet – ich erwarte, dass die Gremien die notwendigen Beschlüsse noch im August fassen.“
Mit dem neuen General Manager und den höheren Zuschüssen setzt sich der Wandel vom Familienbetrieb zum Staatsbetrieb fort. Ob auf dem Grünen Hügel am Ende nur noch der Staat die Fäden in der Hand hält, dürfte sich in den kommenden Monaten entscheiden.



