Der „Zwanni“ wird zum „Zwitschi“, und in den Kommentarspalten heißt es: „Kannst du mir mal einen Storch leihen?“ Was nach einer Fangemeinde für Vogelbeobachtung klingt, betrifft einen der zehn Design-Vorschläge für die neuen Euro-Scheine. Gisela Goppel und Florian Toperngpong haben das Motiv „Flüsse und Vögel“ entworfen und damit eine Welle der Kreativität ausgelöst. Die beiden Designer, die normalerweise nicht im Rampenlicht stehen, sind von der Resonanz überwältigt.
„Wir haben das nicht erwartet“, sagt Gisela Goppel im Gespräch mit capital.de. „Wir sind selbst nicht so viel auf Social Media aktiv, bekommen aber immer wieder Bilder zugeschickt. Ich finde es total witzig. Gerade die Wortschöpfungen: Der ‚Zwanni‘ wird zum ‚Zwitschi‘, oder ‚kannst du mir mal einen Storch leihen‘.“
Ihr Kollege Florian Toperngpong sieht in der Aufmerksamkeit vor allem einen Gewinn für die Demokratie: „Offenbar fühlt sich eine junge Zielgruppe angesprochen, die vielleicht noch gar nicht bei den Europawahlen teilnehmen darf. Aber bei dieser Abstimmung können sie sich einbringen. Das finde ich sehr wichtig.“
Ein Wettbewerb, der Millionen bewegt
Die Europäische Zentralbank hatte einen offenen Wettbewerb ausgeschrieben, um das Erscheinungsbild der Gemeinschaftswährung zu modernisieren. Aus zahlreichen Einsendungen wählte eine Jury zehn Entwürfe aus, die nun online zur Abstimmung stehen. Goppel und Toperngpong gehören mit ihrem Vogel-Design zu den Favoriten. Laut EZB haben sich bereits mehr als sechs Millionen Menschen an der Abstimmung beteiligt – ein Zeichen dafür, wie sehr das Thema die Menschen beschäftigt.
Auch die Designer selbst hatten sich den Wettbewerb nicht als Routineaufgabe vorgestellt. „Die Herausforderung war sehr spannend“, sagt Goppel. „Geldscheine sind ein sehr spezielles Medium, das aber sehr viele Menschen nutzen. Es steckt jedenfalls viel Arbeit da drin.“
Wie man einen Geldschein designt
Doch wie gestaltet man eigentlich ein Zahlungsmittel, das täglich durch Millionen Hände geht? Für Toperngpong beginnt die Arbeit nicht am Zeichenbrett, sondern mit Alltagsbeobachtung: „Man muss sich erst mal mit ein bisschen gesundem Menschenverstand hinsetzen: Wie benutzen die Menschen einen Geldschein? Wie sieht es aus, wenn er im Portemonnaie liegt? Manchmal schauen nur kleine Ecken raus, oder er ist gefaltet. Auch bei schlechtem Licht muss ich ja sofort sehen, wie viel Geld ich habe.“
Hinzu kommen Sicherheitsmerkmale, die den Gestaltern anfangs unbekannt waren: „Den Silberstreifen am Rand, kleine graue Punkte auf allen Scheinen und das sogenannte optical variable element. Das ist eine Art Hologramm, das sich bewegt, wenn ich den Schein drehe“, sagt Toperngpong. Wer glaubt, ein Geldschein-Design sei vor allem Kunst, lernt hier: Es ist auch angewandte Physik und Kriminalprävention.
Vögel als Metapher für Europa
Warum ausgerechnet Vögel? Gisela Goppel wuchs als Tochter eines Biologen auf und hat eine enge Verbindung zur Natur. Sie verrät, dass ihr Team auch für das Thema „Europäische Kultur“ Skizzen angefertigt hatte. Doch der Vogel-Entwurf überzeugte die Jury. „Uns war wichtig, dass jeder Vogel auf dem Schein in seiner Einzigartigkeit erscheint“, betont Goppel. „Das ist eine Metapher: Auch in Europa ist jede Kultur einzigartig, und es ist wichtig, dass wir diese Diversität haben.“
Die Umsetzung verlangte umfangreiche Recherche. „Wie sieht der Vogel aus, wie ist die Flügelstellung in verschiedenen Bewegungen? Dafür haben wir sehr viele Skizzen gezeichnet“, erklärt Toperngpong. Goppel schwärmt von den Tieren: „Die Bienenfresser sind in der Gruppe unterwegs, oder der Basstölpel hat ein spannendes Jagdverhalten. Der schießt mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde in das Wasser. Das ist total irre.“
Das Hologramm auf dem Schein ist bei den Vögeln sogar funktional integriert: „Bei dem Basstölpel haben wir das Hologramm direkt eingebaut. Wenn man den Schein kippt, sieht man, wie der Vogel die Flügel anlegt“, sagt Toperngpong. So soll es jedenfalls aussehen, wenn ihr Entwurf am Ende ausgewählt wird.
Warum Bargeld emotional bewegt
Die große Beteiligung an der Umfrage führt Toperngpong auf die emotionale Bedeutung des Bargelds zurück: „Geld spielt einfach eine riesige Rolle im Leben. Gerade die Scheine kennt man von klein auf. Wenn dieser Gegenstand, den man als Kind schon in der Hand hatte, plötzlich neu gemacht wird, spielt das in das Leben aller Menschen rein. Ich glaube, deswegen wollen viele mitdenken und sich einbringen.“
Dieses Bedürfnis nach Mitbestimmung zeigt auch die Debatte in den sozialen Medien. Die einen erinnern sich an frühere Banknoten, andere feiern die frische Optik. Für die Designer ist der Austausch Teil des Erfolgs: „Das Design scheint die Menschen zu inspirieren, selbst kreativ zu werden“, sagt Goppel.
Zehn Entwürfe, eine Entscheidung
Bis zur endgültigen Entscheidung konkurriert das Duo mit neun weiteren Designteams. Die Auswahl ist also noch offen. Gibt es einen Entwurf, den sie gerne selbst gemacht hätten? Goppel: „Wir finden alle total spannend. Die Themen waren für alle gleich und trotzdem kamen so unterschiedliche Entwürfe heraus. Die verschiedenen Herangehensweisen sind wirklich interessant.“ Toperngpong: „Ich könnte keinen Favoriten ausmachen. Alle sind auf ihre Art herausragend. Ich lese mich dann auch ein bisschen in das Konzept dahinter ein und finde es sehr spannend, in welche Richtung gedacht wurde. Da sind echt tolle Kollegen dabei. Es ist Wahnsinn, dass wir zu diesem Kreis gehören.“
Abschließend stellt sich die Frage, ob die beiden Kreativen selbst bereits abgestimmt haben. Toperngpong antwortet knapp: „Ja klar.“ Goppel hingegen will sich die Entscheidung nicht leicht machen: „Nein. Gerade ist noch zu viel los. Und dafür will ich mir Zeit nehmen.“ Bis zum Ende der Abstimmung bleibt ihr genug Gelegenheit.
Das Interview führte Kilian Schroeder. Es erschien zuerst bei capital.de.



