Abu Dhabi steht kurz vor der Eröffnung eines Museums, das die Messlatte für kulturelle Prestigeprojekte neu legt. Im Dezember wird das Guggenheim-Museum in den Vereinigten Arabischen Emiraten seine Tore öffnen – als letztes Bauwerk des bereits verstorbenen Stararchitekten Frank O. Gehry. Schon jetzt zeichnet sich ab: Der Inhalt der Sammlung ist zweitrangig. Das Gebäude selbst soll die Besucher anziehen, ähnlich wie es vor mehr als zwei Jahrzehnten in Bilbao geschah.
Der Big Bang des Museumswesens
Es war der 18. Oktober 1997, als mit der Eröffnung des Guggenheim Museums in der nordspanischen Stadt Bilbao etwas geschah, das viele Beobachter als „Big Bang des Museumswesens“ bezeichneten. Damals wurde nicht einfach ein weiteres Ausstellungshaus eingeweiht. Was in Bilbao begann und dort seine reinste Ausprägung erfuhr, war die Museumsgründung als Instrument des Stadtmarketings. Stadt und Museum verschmolzen zu einer untrennbaren Einheit – wer seitdem „Bilbao“ sagt, meint immer auch das glänzende, silbrig schimmernde Gebäude mit seiner spektakulären Metallhaut.
Dieser Effekt, international als „Bilbao-Effekt“ bekannt, veränderte die Museumslandschaft grundlegend. Ausstellungen und Kunstwerke traten in den Hintergrund, während die Architektur zur Hauptattraktion wurde. Die Welle von Prestigebauten, die daraufhin in Städten weltweit aus dem Boden schoss, ist ohne dieses Vorbild kaum denkbar. Von der Pinakothek der Moderne in München bis zum MAXXI in Rom – überall schwingt die Erinnerung an jenes Gebäude mit, das eine ganze Stadt auf die Weltkarte hob.
Abu Dhabis kulturelle Offensive
Nun versucht Abu Dhabi, die Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate, genau diesen Effekt zu nutzen. Die Stadt investiert massiv in Kulturprojekte, um sich als globales Zentrum für Kunst und Tourismus zu positionieren. Das Guggenheim-Museum ist dabei nur ein Baustein – wenn auch der prestigeträchtigste. Geplant ist ein ganzer Kulturbezirk auf der Insel Saadiyat, der neben dem Guggenheim auch den Louvre Abu Dhabi und weitere Museen umfasst. Die Investitionen sind gewaltig, denn es geht nicht nur um Kunst, sondern um das Image des gesamten Emirats.
Vor diesem Hintergrund überrascht es kaum, dass die Behörden dem architektonischen Entwurf höchste Priorität einräumen. Der Bau des Guggenheim-Museums ist ein Meisterwerk der dekonstruktivistischen Architektur, typisch für Gehrys Handschrift. Anklänge an das berühmte Guggenheim in Bilbao sind unverkennbar, doch das Gebäude greift auch lokale Einflüsse auf. Die geschwungenen Formen erinnern an Sanddünen, die Kühltürme an die traditionelle Architektur der Wüstenregion. So entsteht etwas Einzigartiges – ein Museum, das schon von außen zum Erlebnis wird.
Der Inhalt ist zweitrangig
Diese Fokussierung auf die Architektur hat Konsequenzen für die Rolle des Museums. Wie der Tagesspiegel in seiner Analyse betont, ist der Inhalt der Einrichtung zweitrangig. Es gehe nicht darum, eine exzellente Kunstsammlung zu präsentieren, sondern darum, ein Wahrzeichen zu schaffen, das Besucher aus aller Welt anzieht. Die Kunstwerke selbst werden dabei oft zur Nebensache – das Gebäude ist der Star.
Diese Strategie ist nicht risikofrei. Kritiker bemängeln, dass auf diese Weise kulturelle Einrichtungen zu reinen Konsumtempeln werden und der eigentliche Zweck eines Museums – das Bewahren und Vermitteln von Kunst – auf der Strecke bleibt. Dennoch zeigen Erfolgsbeispiele wie Bilbao, dass ein spektakulärer Bau durchaus positive wirtschaftliche Effekte haben kann. Der Tourismus boomt, die Stadt wird international wahrgenommen, und die Immobilienpreise steigen.
Ein Vermächtnis am Golf
Für Frank Gehry ist das Guggenheim Abu Dhabi mehr als nur ein weiterer Museumsbau – es ist sein Vermächtnis. Der Architekt, der 2016 im Alter von 89 Jahren starb, hinterließ ein beeindruckendes Lebenswerk, doch dieses Projekt markiert den Abschluss. Die Tatsache, dass sein letzter Entwurf nun ausgerechnet in Abu Dhabi realisiert wird, hat eine besondere Symbolik. Ein westlicher Stararchitekt schafft ein Monument inmitten einer aufstrebenden Wüstenmetropole, die mit ihren Milliardeninvestitionen ein neues Zeitalter einläuten will.
Wenn das Museum im Dezember eröffnet, dürfte die Weltöffentlichkeit hinsehen. Es wird ein Moment sein, in dem sich die Frage stellt, was von diesen gewaltigen kulturellen Anstrengungen bleibt – ein Gebäude, das zum Selbstzweck wird, oder ein lebendiger Ort der Begegnung mit Kunst und Kultur. Die Antwort darauf wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Bis dahin gilt: Abu Dhabi setzt auf den Guggenheim-Effekt – und die Messlatte liegt hoch.



