Muss man mit jedem Sterbenden Frieden schließen? Ein Buch widerspricht
Muss man mit jedem Sterbenden Frieden schließen?

Ein Mensch am Ende seines Lebens, letzte Fragen, letzte Einsichten – da bietet es sich an, Milde walten zu lassen. Doch ein neues Buch stellt diese gängige Erwartung infrage und liefert gute Argumente dagegen, mit jedem Sterbenden Frieden schließen zu müssen. Die Autorin Anja Rützel beleuchtet in ihrem SPIEGEL-Artikel die kontroverse These, dass Versöhnung nicht immer der richtige Weg ist.

Die gesellschaftliche Erwartung an Versöhnung

In der Sterbephase wird oft der Wunsch laut, offene Rechnungen zu begleichen und sich zu versöhnen. Dies gilt als edel und erlösend. Doch das besagte Buch, das im SPIEGEL Bestseller 2/2026 besprochen wurde, argumentiert, dass dieser Druck auf Sterbende und ihre Angehörigen problematisch sein kann. Es sei nicht immer möglich oder wünschenswert, alte Konflikte zu bereinigen. Manchmal bleibe nur die Wut oder Trauer, und das sei in Ordnung.

Das Recht auf Unversöhnlichkeit

Die Autorin des Buches plädiert dafür, das Recht auf Unversöhnlichkeit zu respektieren. Nicht jeder Mensch müsse am Ende seines Lebens noch einmal alle Beziehungen glätten. Es gebe Verletzungen, die so tief seien, dass eine Versöhnung nicht authentisch wäre. Vielmehr könne es heilsam sein, die eigenen Gefühle – auch negative – zuzulassen, ohne sie um des lieben Friedens willen zu unterdrücken.

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Kritik an der „Versöhnungsindustrie“

Der Artikel kritisiert auch eine Art „Versöhnungsindustrie“, die in Hospizen und Palliativmedizin oft propagiert werde. Die Erwartung, dass jeder Sterbende in Frieden gehen solle, könne zusätzlichen Druck erzeugen. Stattdessen solle man akzeptieren, dass manche Beziehungen unversöhnt bleiben. Das Buch liefere dafür eindrückliche Beispiele und ermutige dazu, den Sterbeprozess so individuell wie das Leben zu gestalten.

Fazit: Ein Plädoyer für Authentizität

Letztlich geht es um Authentizität: Die letzte Lebensphase sollte nicht von gesellschaftlichen Erwartungen überformt werden. Das Buch, das Anja Rützel rezensiert, stellt die Frage, ob Versöhnung wirklich immer das höchste Gut ist. Es gibt keine einfache Antwort, aber es regt zum Nachdenken an – und das ist vielleicht das Wichtigste.

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