Seit 1963 war Sybill Mahlke Musikkritikerin für den Tagesspiegel und somit eine Chronistin der reichen Berliner Musiklandschaft. Ihr Stil war einzigartig, sie blieb neugierig bis zum Schluss. Zwei Dinge fallen einem sogleich ein, wenn man sich an Sybill Mahlke erinnert: die Klarheit ihrer Sprache und ihre Genauigkeit. Und man erinnert sich gern. Aus einem musikalischen Berliner Haushalt stammend, hat sie für sich das schwierigste Fach der kritischen Kunst erwählt: die Musikkritik.
Über Musik schreiben: ein Widerspruch
Über Musik zu schreiben, das ist im Grunde ein Widerspruch in sich selbst. Musik ist Sprache, wo Sprachen enden, sagte der Dichter Rainer Maria Rilke. Und dennoch hat Sybill Mahlke es über Jahrzehnte souverän vermocht, den Zauber eines musikalischen Abends einzufangen. Auch für das, was fehlte in ihren Ohren und Augen, fand sie den direkten, nie verletzenden Ausdruck. Georg Kreislers ätzendes Chanson „Der Musikkritiker“ ging an ihr vorbei.
Anfänge und erste Texte
In den frühen Fünfzigerjahren begann ihre journalistische Arbeit, 1963 schrieb sie ihren ersten Text für den Tagesspiegel. „Richard Wagners Aktualität heute – Theodor W. Adorno in der Akademie der Künste“ lautete die Überschrift. Er liest sich immer noch sehr gut: „Aus dem Wissen, dass Kunstwerke nicht in sich fertig, sondern als Spannungsfelder bestehen, aus denen sich immer neue Schichten hervorlösen, während andere absterben, fragte er nach Wagners Aktualität.“
Ihr Wirken und ihre Leidenschaft
Sie schrieb über die großen Orchester und Opern, sie liebte Liederabende. Zu ihrer Zeit fuhr man für die Zeitung auch noch zu den Festspielorten, regelmäßig nach Bayreuth, Salzburg, Schwetzingen und zu bedeutenden Premieren in anderen Städten. Mit ihrem Lebenspartner, dem 2022 verstorbenen Theaterkritiker Günter Grack, auch er war jahrzehntelang Redakteur im Tagesspiegel-Feuilleton, reiste sie häufig nach Griechenland. Sie war, wie es früher hieß, klassisch gebildet, eine angenehme Gesprächspartnerin in Fragen der Kunst, immer offen und angenehm neugierig. Manchmal konnte sie scheinbar verrückte Sätze schreiben, die unsensiblen Redaktionen zum Opfer gefallen wären. Sie bestand darauf. Es wurde nicht gestrichen. Und sie hatte recht. In ihren speziellen Formulierungen schwang Musik.
Alte Schule mit Bescheidenheit und Selbstbewusstsein
Sie war alte Schule. Und man muss sagen: sehr gute alte Schule, in dieser speziellen Mischung aus Bescheidenheit und Selbstbewusstsein. Sybill Mahlke, später auch für die „Opernwelt“ tätig, schenkte dem Tagesspiegel ungezählte Beiträge voller Inspiration, war eine Chronistin des so reichen Berliner Musiklebens. Sie kannte die Karajans dieser Welt, blieb aber stets zurückhaltend und diskret. Anekdoten waren ihr Fall nicht.
Unbestechliche Korrektur und digitale Herausforderungen
Bei der Korrektur war sie unbestechlich: Herzlich gern legten wir ihr unsere Texte vor. Sie fand immer etwas, das die Spalten besser machte, sie hatte einen Blick für das Blatt. „Frau Mahlke“, wie sie alle nannten, kämpfte redlich mit der neuen digitalen Technik, die vieles verbessert hat, nur nicht die Textqualität.
Späte Jahre und letzte Kritiken
Lange Zeit noch nach ihrer Pensionierung schrieb sie über Musik, kam regelmäßig zu Besuch in die Redaktion. Ihre letzten Kritiken erschienen 2023, über Romeo Castelluccis Inszenierung der „Daphne“ von Richard Strauss an der Berliner Staatsoper, davor war sie beim Rundfunk-Sinfonieorchester, das Zemlinskys Tondichtung „Die Seejungfrau“ aufführte. In der Überschrift stand: „Mit Präzision und Feuer“. Besser kann man es nicht sagen, wie sie an die Dinge heranging. Wieviele Leserinnen und Leser fragten nach ihr, als sie nicht mehr für den Tagesspiegel schrieb.
Im April bereits ist Sybill Mahlke in Berlin verstorben, wie wir erst jetzt erfahren haben. An diesem Donnerstag wäre sie 90 Jahre alt geworden. Mit ihr verliert die Berliner Musikszene eine unermüdliche Chronistin und eine Stimme von seltener Klarheit.



