Gnadenlos spannend: T.C. Boyles neue Erzählungen
US-Bestsellerautor T.C. Boyle ist mit seinem neuen Erzählband „Das Ende ist nur ein Anfang“ (Hanser Verlag) zurück. Der 77-jährige Schriftsteller, bekannt für Romane wie „America“ und „Hart auf Hart“, beweist erneut seine Meisterschaft auf der Kurzstrecke. Seine Geschichten sind das Gegenteil von Wohlfühlliteratur: Der Spaßfaktor tendiert oft gegen null, dafür hält Boyle die Spannung hoch. Altersmilde ist nicht in Sicht; seine Stärke ist die Gnadenlosigkeit im Umgang mit seinen Figuren. Boyle, der in Kalifornien lebt, blickt auf die dunklen Seiten der Gesellschaft – auf Polarisierung, Radikalisierung, Gewalt und den Klimawandel.
Wenn die Natur aus dem Ruder gerät
In „Kalter Sommer“ erzählt Boyle von einem 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, an dem fast zehn Zentimeter Schnee fallen. Der Himmel bleibt weiß wie ein Blatt Papier, die Pflanzen verkümmern. „Das Wetter spielte verrückt, das war ja nichts Neues.“ Bei Melinda und ihrem Mann fällt der Strom aus, das Auto springt nicht an. Als Melinda mit dem Fahrrad in die Stadt fahren will, bricht sie sich bei einem Unfall das rechte Schienbein und zwei Rippen. Dies ist nur der Auftakt für eine Serie beängstigender Erfahrungen, die ihr und ihrem Mann schmerzhaft klarmachen, wie schnell die Zivilisation an ihre Grenzen kommt, wenn die Natur aus dem Ruder gerät.
Auch „Was die Fotos nicht zeigten“ thematisiert die Macht der Natur. Eine Familie – Mann, Frau, Kleinkind und Hund – startet zu einer Wanderung in Kalifornien. Sie kehren nicht zurück. Später lassen sich die Geschehnisse durch Fotos und ungesendete Nachrichten auf ihren Smartphones rekonstruieren. Anfangs noch gelassen trotz unerwarteter Hitze, wachsen Angst, Hilflosigkeit und Verzweiflung. Am Ende lässt Boyle keinen Zweifel daran, wie wenig Spielraum die Natur dem Menschen lässt, wenn sie ihre Regeln ändert.
Eine typische Boyle-Figur voller Hass und Selbstzweifel
In einer weiteren Geschichte bereitet sich die junge Cellistin Jori auf ein Konzert vor, bei dem sie als Solistin ihren großen Auftritt haben soll. Eines Abends bleibt sie stehen, als sie ein Auto mit einem Mann am Steuer bemerkt, der das Fenster herunterlässt und ihr winkt. Der Mann ist eine typische Boyle-Figur: voller Hass und Selbstzweifel, ein von Minderwertigkeitskomplexen zerfressener Versager. Er hat keine Freunde und einen deprimierenden Job bei einem Discount-Reifenhändler. Er will sich für sein Leben rächen. Beim Surfen im Internet findet er ein Video über 3D-Drucker und eine Bauanleitung für eine Waffe – und setzt sie um.
Tod lauert überall – von Indien bis Hokkaido
Die Zahl der Toten in Boyles Geschichten hat nicht abgenommen. Mal entdeckt eine junge drogenabhängige Frau ohne festen Wohnsitz die Leiche eines kleinen Kindes, will aber keinen Ärger bekommen und hält das geheim. Mal verbreitet ein Tiger in einem indischen Dorf Angst und Schrecken, der nachts immer wieder angreift und Dorfbewohner zerfleischt. Selbst in einem beschaulichen japanischen Dorf auf der Insel Hokkaido, das fast nur von steinalten Menschen bewohnt wird, lauern Gefahren. Seit Jahren gab es dort keine Kinder mehr, die Schule ist vor zwei Jahrzehnten geschlossen worden. Als plötzlich ein junges amerikanisch-japanisches Paar mit einem Jungen ins Dorf zieht, sind die Bewohner irritiert. Bald gibt es Beschwerden über den Jungen, und kurz darauf ist er verschwunden. Die verzweifelte Suche seiner Eltern führt in ein Finale, das typisch für Boyle ist – wer eine bequeme Auflösung erwartet, wird eines Besseren belehrt.



